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Ubermans Schlafrhythmus: Nur 2h Schlaf und dann fitter als je zuvor?!

[Update: 07.07.2016]: Ich habe wieder mit der Umstellung auf polyphasisches Schlafen begonnen. Wie es damit läuft, berichte ich auf www.superheldenschlaf.de.

Was haben Regatta-Segler, Astronauten und sogenannte Eilte-Soldaten gemeinsam? Sie alle trainieren einen Schlafrhythmus, bei dem täglich nur zwei Stunden Schlaf ausreichen. Ein Selbstversuch.

Winter in Falun, Schweden. Die Sonne ist nur von 9 bis knapp 15 Uhr zu sehen. Dann wieder Dunkelheit. Tag für Tag. Während meines ersten Winters als Masterstudentin in Schweden, bekam ich zu spüren, wie sehr fehlendes Sonnenlicht auf die Stimmung drückt. Es war eine Qual morgens aus dem Bett zu kommen, während die Tage immer kürzer wurden. Mal länger zu schlafen, tat auch nicht sonderlich gut, denn kurz nach dem Frühstückskaffee den Sonnenuntergang zu betrachten, war einfach nur deprimierend. Was konnte da helfen? Lichttherapie oder Johanniskraut? Viel zu gewöhnlich für meinen Geschmack.

Mit zwei Stunden Schlaf fitter als je zuvor Nach einer kurzen Internetrecherche fand ich, wonach ich suchte: Uberman’s Sleeping Schedule. Bei diesem Schlafrhythmus wird auf eine längere Schlafzeit verzichtet und nur alle vier Stunden für 20min geschlafen. Nach etwa einer Woche der Umgewöhnung, stellt sich der Körper um und die insgesamt zwei Stunden auf 24h genügen, um fit und ausgeruht zu sein. Es hieß sogar, man wäre fitter und ausgeruhter als je zuvor. Da ich ja sowieso die ganze Zeit müde war, dachte ich mir, könnte ich das ja mal ausprobieren. Bei meinem wöchentlichen Studienpensum könnte ich die Extra-Zeit auch wirklich gut gebrauchen.

Warum das ganze funktionieren sollte? Normalerweise bekommt der Mensch während seinem 8-stündigem Schlaf etwa 1,5h REM-Schlaf. Dieser ist besonders wichtig für die geistige und körperliche Regeneration. Werden die 20min-Nickerchen regelmäßig und konsequent durchgehalten, schaltet das Gehirn – allein aus Überlebenswillen – nach drei bis fünf Tagen um und packt möglichst viel REM-Schlaf in die neuen Schlafzeiten.

Vielen bekannten Persönlichkeiten, wie Leonardo da Vinci, Thomas Edison, Nikola Tesla, Napoleon und Winston Churchill wird dieser Schlafrhythmus nachgesagt. Regatta-Segler, Astronauten und sogenannte Elite-Soldaten trainieren ihn für Situationen, bei denen längere Schlafzeiten zu gefährlich wären.

Langzeit-Studien gibt es keine – kurzfristig entsteht jedoch kein Schaden Claudio Stampi, Gründer und Leiter des Chronobiologischen Forschungsinstituts Boston, Massachusetts ist ein prominenter Verfechter des polyphasischen Schlafens. Mehrere Wochen im polyphasischen Schlafrhythmus schaden der Gesundheit offensichtlich nicht. Doch gibt es bisher keine wissenschaftlichen Langzeit-Studien darüber. Es wird auch schwierig, geeignete Probanden zu finden, denn wer führt schon so ein selbstbestimmtes Leben, um diesen Schlafrhythmus längere Zeit strikt durchhalten zu können? Die Bloggerin PureDoxyk, die den sogenannten Uberman-Schlafrhythmus zuerst im Internet publik machte, berichtete, dass sie ein halbes Jahr so gelebt hatte. Ich wollte es einen Monat durchhalten.

Meine Schlafzeiten sollten um 2, 6, 10, 14, 18 und 22 Uhr sein. Anfangs schaffte ich es kaum, während der erlaubten 20min einzuschlafen. Trotzdem war ich nach den ersten zwei Nächten ohne richtigen Schlaf erstaunlich fit. Doch am dritten Tag fühlte ich mich wie ein Zombie (Hinweis am Rande: Gefährliche Tätigkeiten, wie Autofahren, Gemüse schneiden und Ähnliches sind in der Umgewöhnungsphase unbedingt zu vermeiden!). Beim Nickerchen am Nachmittag verschlief ich dann trotz meiner beiden Wecker. Es waren aber nur drei Stunden zu viel und mit der Umgewöhnung musste ich deshalb zum Glück nicht von vorne beginnen. Mein Ehrgeiz war dafür umso mehr angestachelt und von nun an war Verschlafen kein Thema mehr.

Als „Uberfrau“ konnte ich über meine Kommilitonen nur milde lächeln Am Abend des vierten Tages fühlte ich mich schon viel besser. Endlich war ich fit genug, um die Vorteile meines neuen Tagesablaufs zu genießen. Was meine Kommilitonen an drei Tagen erarbeiteten, schaffte ich locker an einem. Und ich hatte noch genug Zeit für Freizeitaktivitäten oder um geduldig Computerprobleme meiner Eltern übers Telefon zu lösen. Kam die Müdigkeit doch mal zwischen zwei Nickerchen zurück, machte ich einen kurzen Spaziergang, dann ging es wieder. Schon am fünften Tag war das kaum noch der Fall. Ich fühlte mich einfach großartig.

Mein Gefühl für Zeit – besonders für die Begriffe früh, spät, Tag, Nacht – wandelte sich grundlegend. Plötzlich war es für mich ziemlich verwirrend, wenn jemand von „gestern“ oder „morgen“ sprach. Denn zwischen meinem heute und meinem gestern lagen ja nur 20min und nicht 8 Stunden, wie bei allen anderen, die aus meiner Perspektive regelmäßig in eine Art 2-tägigen Winterschlaf verfielen. Als „Uberfrau“ konnte ich über die verschlafenen Gesichter meiner Mitbewohner morgens in der Küche nur milde lächeln.

Sozial unverträglich, aber die Faszination bleibt Genau das war es am Ende auch, was mich am Ubersleep nach ein paar Wochen zu stören begann: Die 8-Stunden-Schläfer kamen mir immer fremder vor. Ich hatte das Gefühl, drei mal so viele Leben zu führen und nur während einem davon meinen Kommilitonen und Mitbewohnern zu begegnen. Wenn ich mit Freunden etwas unternahm, nervte es mich (und sie wohl auch), dass ich mitten drin für eine halbe Stunde verschwinden musste. Gerade in so einer kleinen Stadt wie Falun, in der schwedischen Provinz, und zusätzlich in einem engen Studentenwohnheim, passte so ein extravagantes Leben einfach nicht. Und so entschied ich mich nach einem Monat, mein Experiment vorerst abzuschließen. Das war im Jahr 2006. Noch immer übt dieses dreifache Leben eine Faszination auf mich aus. Und ich bin überzeugt: Es wird nicht das letzte Mal für mich gewesen sein.

Zuerst in der g:nau erschienen.


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