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Zaungäste und Robocops

Gehört behelmte Polizei mittlerweile zum Stadtbild dazu?

23.10.2011 – Stuttgart

Vor über 2 Jahren, am 01.Mai 2010 in Berlin, habe ich zum ersten Mal behelmte und in voller Kampfmontur ausgerüstete PolizistInnen im Einsatz aus nächster Nähe miterlebt. Bei dieser mindestens bundesweit bekannenten revolutionären 1.Mai-Demonstration sicherlich nichts allzu Außergewöhnliches. Seit diesem Tag war ich bei sehr vielen weiteren Demonstrationen mit gleichzeitigem Polizeigroßeinsatz dabei.

Meinem persönlichen Gefühl nach hat sich die Zahl der Gelegenheiten, bei denen ich auf Bereitschaftspolizisten treffe, in den letzten 2 Jahren sehr erhöht. Natürlich hat das mit meinem Beruf als Fotojournalist zu tun und damit, dass ich solche Gelegenheiten in gewisser Weise auch suche. Doch als ich letzten Samstag in Göppingen bei der Gegendemonstration zu einem Naziaufmarsch war, ist mir aufgefallen, dass es da eine Gruppe gibt, deren Beteiligung am Geschehen mir vorher nicht so bewusst gewesen ist: die Zaungäste. Sie sind diejenigen, die neben den DemonstrantInnen auf der einen Seite, den PolizistInnen auf der anderen und den FotografInnen und JournalistInnen irgendwo dazwischen, mehr oder weniger zufällig vor Ort sind. Es ist die Gruppe der Schaulustigen, PassantInnen oder AnwohnerInnen. Gerade in Göppingen sind mir vermehrt Menschen begegnet, hauptsächlich solche, die mit Lederhosen oder Dirndl bekleidet waren, die schnurstracks zum Bahnhof gingen oder an einer Ecke standen und auf jemanden gewartet haben und dem Anschein nach so gut wie gar nicht auf das massive Polizeiaufgebot reagierten. Allenfalls haben sie ihren Unmut darüber nach außen getragen, dass sie nicht ohne Weiteres und ohne Umwege in Richtung Bahnhof gehen konnten, um von dort aus zum Stuttgarter Volksfest zu fahren. weiterlesen

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Farbangriffe auf xenophobe Denkfallen!

In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai ist das Gebäude der Piusbrüder-Gemeinde in Stuttgart-Feuerbach mit Hilfe von Aktivisten etwas bunter geworden.

Farbangriff – Quelle: linksunten.indymedia

Es mag kreativere Möglichkeiten geben, seinen Protest zu zeigen, doch ohne diesen „Farbangriff“ hätte ich gar nicht mitbekommen, dass wieder ein rechtspopulistischer Vortrag bei den Piusbrüdern stattgefunden hat.

Der Referent Manfred Kleine-Hartlage ist übrigens ein Paradebeispiel für Sozialwissenschaftler, die ihr Fachwissen nicht einsetzen, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und zu erklären, sondern um diese Zusammenhänge zu verdrehen.

Wer diese Einschätzung selber überprüfen möchte,  findet hier ein Video von einem seiner rechtspopulistischen Vorträge. Ich habe mal begonnen, die Kausalitätsverdrehungen und Behauptungen mitzuzählen. Bei 13 habe ich dann schon wieder aufgehört, weil ich feststellen musste, dass der Vortrag einfach eine Aneinanderreihung selbiger ist. Im Vergleich dazu ist Samuel Huntingtons Argumentation zum Clash of Civilizations ja beinahe schon hoch intellektuell.

Ich wollte dann aber doch mal zumindest in der Kriminalitätsstatistik nachschauen, ob sich Kleine-Hartlages (und nicht nur seine!) Behauptung, dass die Kriminalitätsrate von Muslimen überdurchschnittlich hoch ist, nicht schnell und einfach widerlegen lässt. Dabei hatte ich ganz vergessen, dass Daten zur Religion dort kaum auftauchen werden.

Dafür ist mir dann etwas viel haarsträubenderes aufgefallen: In der aktuellen Strafverfolgungsstatistik des Statistischen Bundesamts gibt es insgesamt nur zwei Variablenpaare: männlich – weiblich und Deutsche – Ausländer! Abgesehen davon, dass die Berücksichtigung sozio-ökonomischer Faktoren viel aussagekräftiger wäre, kann man mit so einer oberflächlichen Aufteilung leicht in eine xenophobe Denkfalle geraten.  Wobei sich hier der Kreis schließt und wir wieder beim Rechtspopulismus angekommen wären.


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