Schlagwort-Archive: Hafttagebuch von Mark Pollmann

Serie Archiv-einund20.1: 10 Tage Haft für die Überzeugung

Erstveröffentlichung von „10 Tage Haft für die Überzeugung“ in der einund20 vom Juni 2012

Als erster S21-Projektgegner trat Mark Pollmann Ende Mai eine zehntägige Ersatzfreiheitsstrafe an. Um gegen den Abriss des Nordflügels des denkmalgeschützten Stuttgarter Hauptbahnhofs zu demonstrieren, hatte er diesen vor zwei Jahren mit 54 anderen Aktivisten besetzt und war dafür zu einer Strafe von 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er weder die Strafe bezahlen, noch Arbeitsstunden leisten wollte, musste er ins Gefängnis.

Wenn er sich die Frage stelle, ob er alles friedliche in seiner Macht stehende getan habe, das in seinen Augen unverantwortliche Projekt Stuttgart 21 zu verhindern, dann möchte er immer sagen können “Ja, ich habe es“, erzählt Mark Pollmann noch am Morgen vor seinem Haftantritt auf dem Weg zur Justizvollzugsanstalt in Rottenburg am Neckar. Es ist kurz vor halb elf am Freitag, den 25. Mai und Mark Pollmann steht umringt von einem Dutzend Unterstützern und mehreren Reportern auf dem Rottenburger Marktplatz. Vor einem Jahr und 10 Monaten hatte er mit 54 weiteren Aktivisten den leer stehenden und zum Abriss freigegebenen Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs besetzt, bis die Polizei sie wieder aus dem Gebäude geleitete: Hausfriedensbruch. Einen Monat später beginnt der Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus. Bis heute wurde die freigewordene Fläche nur zur Lagerung von Baumaterial genutzt – und zur Aufstellung eines großen Werbebanners für Stuttgart 21.

Statt für 10 Tage ins Gefängnis zu gehen, hätte Mark Pollmann eine Geldstrafe in der Höhe von ca. 800 Euro zahlen oder Sozialstunden leisten können. Doch er wollte sich weder durch Geld, noch durch Arbeitsstunden freikaufen. Das hatte Mark Pollmann schon bei seiner Gerichtsverhandlung am 23. Februar 2011 erklärt. Er ist der erste Stuttgart 21-Gegner, der eine Ersatzfreiheitsstrafe antritt. Die anderen vier Projektgegner, die in einem Sammelprozess mit ihm zu 10 Tagessätzen verurteilt wurden, haben die Strafe bezahlt. Bei späteren Verfahren weiterer Nordflügelbesetzer wurde die Anklage gegen Auflagen eingestellt.

Um kurz vor 11 Uhr schließt sich das Tor der Rottenburger JVA hinter Mark Pollmann. Erst Sonntagfrüh, zehn Tage später, soll er wieder entlassen werden. Während seines Gefängnisaufenthalts führt Mark Pollmann Tagebuch, das im Internet veröffentlicht werden soll. Und schon nach wenigen Tagen erreicht uns sein erster Brief aus dem Gefängnis. So erfahren wir, dass ihm an seinem ersten Tag in Haft mitgeteilt wird, er könne das Gefängnis bereits nach fünf Tagen verlassen. Und, wie er mit seiner Ablehnung der vorzeitigen Haftentlassung eine Diskussion zwischen den Beamten über Sinn und Unsinn von Verfahren gegen Stuttgart 21-Gegner auslöst. Ein Wärter sagte ihm ganz direkt, dass er nicht ins Gefängnis gehöre, berichtet Mark Pollmann gleich in seinem ersten Brief.

Er hatte Glück mit seinem Zimmernachbarn, wie er seinen Mithäftling, mit dem er sich die Zelle teilt, bezeichnet. Beide bemühen sich, die Zelle tatsächlich zu ihrem Zimmer zu machen, putzen täglich den Boden mit Duschgel und Handtüchern. Mit dem zeitlich begrenzten Freiheitsentzug kann sich Mark Pollmann gut arrangieren, ist seinem Hafttagebuch auch zu entnehmen. Einzig die Tücken der Bürokratie machen ihm zu schaffen. Es sei sehr schwierig, an Tabak zu kommen, selbst wenn man eigenes Geld mitgebracht habe, schreibt er. Für alles Mögliche gilt es ein Formular auszufüllen. Das tut Mark Pollmann jedoch nur einmal, als er einen Karton beantragt, damit er seine Solidaritätspost am Ende der Haft aus dem Gefängnis transportieren kann. Etwa sieben- bis achthundert Briefe, Postkarten und Päckchen haben ihn während seiner Haft erreicht. Wie auf einer Sänfte getragen, habe er sich durch diesen unerwarteten Zuspruch gefühlt und er würde alles so wieder machen, sagt er direkt direkt nach Verlassen der Haftanstalt.

Julia von Staden ist Soziologin aus Stuttgart und arbeitet als freie Journalistin. Gemeinsam mit dem Stuttgarter Fotografen Jens Volle hat sie exklusiv das Hafttagebuch von Mark Pollmann in ihrem Blog NAU! veröffentlicht.

Über die Serie Archiv-einund20: Die einund20 gibt es nicht mehr. Die Webseite der Zeitung ist nicht mehr online und die dort veröffentlichten Artikel sind nicht mehr zugänglich. Deshalb werde ich in den nächsten Tage sämtliche Artikel, die ich für die einund20 geschrieben habe hier im Blog veröffentlichen.


Jail Mail – Part 2

About Jail Mail: As the first opponent against Stuttgart 21 (speculative real estate and railway project) Mark Pollmann served a 10 days prison sentence. He was sentenced to a 10 days rate due to occupation of the northwing for protesting against the partial demolition of the Bonatzbau which is protected as an historical monument. Because he didn’t want to ransom with money or working hour he has to go to jail. „Jail Mail“ on Blog NAU! is his jail diary that he sent to us from prison. Mark Pollmann was in prison from May 25th until June 3rd . This is the first part of Marks ten journal enties.

26/5/2012 – Saturday

Postscript on Friday: I forgot to mention that I had a siesta Friday afternoon and fell asleap. When the cell door was opened for bringing in supper at about 5 p.m. I didn’t wake up immediately – I woke up with two officials beside my bed calling my name nervously – I was surprised about the urgency and the excitement, I sat up and put on my glasses.

Then they said, they enter the cell several times the day to check that all inmates are still alive respectively that they are okay. I said I was sleeping and therefore I didn’t response at once. They showed the red emergency button to me if someone feels bad. So at least every room in the new building features this as well as light switches for cell and restroom.

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Jail Mail – Part 1

About Jail Mail: As the first opponent against Stuttgart 21 (speculative real estate and railway project) Mark Pollmann served a 10 days prison sentence. He was sentenced to a 10 days rate due to occupation of the northwing for protesting against the partial demolition of the Bonatzbau which is protected as an historical monument. Because he didn’t want to ransom with money or working hour he has to go to jail. „Jail Mail“ on Blog NAU! is his jail diary that he sent to us from prison. Mark Pollmann was in prison from May 25th until June 3rd . This is the first part of Marks ten journal enties.

25/5/2012 – Friday – Beginning of my time in the clink

Having had a good night I set off about 7:40 am to the north exit near the former northwing [of the main station] where already some people were waiting who wanted to say goodbye to me. I was very happy about the attenders and I got several books as a present. I also answered the first interview requests. About 9 am we drove to Rottenburg. The Stuttgart newspaper’s reporter Mrs. Mayer interviewed me during the trip to Rottenburg.

At 10 there were also comrades of our common cause at Rottenburg at the market place beside journalists and camera teams. It strengthens me that so many people commiserate and approve my decision to serve my prison sentence. I was also available for interviews and pictures – it was all very public, there was hardly time for private moments and chats. weiterlesen


Facebook entfernt sämtliche Hafttagebuch-Links

Nachdem schon die StZ gegen unsere Creative Commons Lizenz verstoßen hat und Hafttagebuch-Einträge einfach mal so ohne Absprache zitiert, gab’s heute mal Ärger umgekehrter Art: Heute hat Facebook sämtliche Links zum Hafttagebuch aus meiner Chronik entfernt. Mit mir Kontakt aufgenommen haben die Administratoren natürlich nicht. Dabei habe ich noch nicht einmal Marks Entscheidung bewertet oder gar zu Straftaten aufgerufen oder sonst wie gegen Facebook-Richtlinien verstoßen.

Ich habe selbstverständlich als erstes bei Facebook nachgefragt, warum sie alle WordPress-Links aus meiner Chronik entfernt haben. Und als zweites habe ich den Link zum zehnten Hafttagebuch-Eintrag gleich nochmal gepostet. Innerhalb einer halben Stunde tauchten dann plötzlich sämtliche Beiträge wieder auf.

Wenn euch so etwas auch mit den Hafttagebuch-Einträgen passiert ist, wäre es toll, wenn ihr uns das in einem Kommentar wissen lasst.

Bildschirmfoto um 17:49 Uhr, das schwarze Feld ist meine Freundesliste 😉

Bildschirmfoto von 18:51 Uhr, nachdem die Hafttagebuch-Links auf wundersame Weise wieder aufgetaucht sind.


Post aus dem Knast – Teil 10

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Aus der Haft hat uns Mark Pollmann sechs Hafttagebucheinträge zugeschickt mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir abgetippt haben. Seit Sonntag ist Mark entlassen und hat begonnen, seine restlichen Hafttagebucheinträge selbst abzutippen, damit wir sie veröffentlichen können. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern. Teil 10 ist Mark Pollmanns letzter Hafttagebucheintrag.

Sonntag, 3. Juni 2012 – Tag 10 – Ende der Ersatzfreiheitstrafe

Ich schreibe dies und bin längst draußen. Es ist sozusagen aus der Perspektive von draußen die Innenperspektive aus der Erinnerung einnehmend. Das ist ein Unterschied.

Ich erwache, als es hell wird, draußen zeigt sich im östlichen Winkel des Fensters auf Höhe des „Schwäbische Alb-Ausschnitts“ mit Rammert-Höhenzug im Vordergrund die Helle der aufsteigenden aufgehenden Sonne – kontrastiert mit den aus Südwesten vorrückenden dunklen Wolken, die später hoffentlich den von mir ersehnten Regen bringen würden. Ich mag keine längeren Trockenperioden und möchte niemals in einem trockenen Land leben, wo alles ausgedorrt und braun ist. Keine Saat geht auf, wo das Wasser fehlt. weiterlesen


Post aus dem Knast – Teil 9

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Aus der Haft hat uns Mark Pollmann sechs Hafttagebucheinträge zugeschickt mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir abgetippt haben. Seit Sonntag ist Mark entlassen und hat begonnen, seine restlichen Hafttagebucheinträge selbst abzutippen, damit wir sie veröffentlichen können. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Samstag, den 02.06.2012 – Tag 9

Es ist inzwischen Abend geworden an diesem vorletzten, doch eigentlich letzten Tag meiner Ersatzfreiheitsstrafe im Knast. Ich werde morgen schon um viertel vor acht morgens zur Entlassung aus der Haft abgeholt. Einer Haft, die ich eigenverantwortlich und ganz für mich als Option bereits vor eineinhalb Jahren gewählt habe, weil ich die mir zugewiesene Rolle von der Staatsanwaltschaft ablehne, mich für meinen Protest gegen den staatlich legitimierten Vandalismus in Stuttgart zum gefährlichen steuerfinanzierten Rückbau der Schiene durch Geldzahlung frei zu kaufen.

Ich sage Staatsanwaltschaft, weil nach meiner Wahrnehmung dem damaligen Richter Fritz (er ist wenige Wochen danach in vorzeitigen Ruhestand gegangen) an diesem 17. Februar 2011 beim Prozess vermutlich lieber gewesen wäre, eine Einstellung des Verfahrens zu bewirken. Mehrmals fragte er den Vertreter der DB AG, ob dieser die Anzeige nicht zurückziehen wolle, was abgelehnt wurde. Nach meinem Eindruck wählte er ein kleines Urteil, was ich letztes Jahr als „salomonisch“ bezeichnete, weil ein Freispruch sicherlich die Revision beantragt durch OStA Häußler zur Folge gehabt hätte. Unmittelbar nach Urteilsverkündung gab Häußler in Interviews bekannt, ihm sei die Höhe des Urteils zweitrangig, wichtig sei ihm, dass ein Urteil im Sinne von schuldig nach 123 StGB Hausfriedensbruch gefallen sei. Das spiegelt nach meiner Einschätzung die politische Dimension in der Justitia wieder. Wenn man sich die Historie von OStA Häussler in diesem schmutzigen „Vabanque“-Spiel anschaut – von Verschleppung von Prozessen gegen NS-Mörder in Italien bis hin zu seiner aktiven Teilnahme am Schwarzen Donnerstag vom Vormittag an im Park, während Polizeipräsident Stumpf gleichzeitig als eigentlich Verantwortlicher für den Einsatz nicht einmal per Handy erreichbar war – na ja. Brückenkopf halt, damit es geschmeidig läuft. Justizminimister Stickelberger hält an ihm fest. weiterlesen


Post aus dem Knast – Teil 8

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Aus der Haft hat uns Mark Pollmann sechs Hafttagebucheinträge zugeschickt mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir abgetippt haben. Seit Sonntag ist Mark entlassen und hat begonnen, seine restlichen Hafttagebucheinträge selbst abzutippen. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Freitag, 01. Juni 2012, Tag 8

Heute Morgen hatte ich eine Stunde anwaltlichen Besuch. Es ist der einzige Besuch, der in dieser kurzen Zeit machbar war. Vor Haftantritt empfahl man mir, einen Anwalt zu mandatieren, der außerhalb der geltenden streng limitierten Besuchszeiten für Häftlinge Besuche abstatten kann. Von einem Häftling erfuhr ich, er hätte drei Stunden Anrecht auf Besuch monatlich, streckbar auf dreimal einstündige Besuche im Monat. Vermutlich gibt es auch hier je nach Strafmaß unterschiedliche Regelungen, wie auch beim Vollzug, doch wissen tue ich es nicht.

So bekam ich auch Informationen „von draußen“ – zwar haben wir hier Fernsehen, jedoch keine Tageszeitungen. Die Stacheldrahtmauer trennt im wahrsten Sinne des Wortes zwei Welten und der Austausch ist sehr gering. Jeder Häftling hat Anrecht auf Tätigung eines Anrufs ab Haftantritt. Die Beantragung von weiteren Telefonaten über ein Telefonkonto ist ein bürokratischer Akt, der die Zeitdauer meines Aufenthaltes vermutlich überstiegen hätte – ich habe es von daher erst gar nicht in Angriff genommen. weiterlesen


Post aus dem Knast – Teil 7

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Aus der Haft hat uns Mark Pollmann sechs Hafttagebucheinträge zugeschickt mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir abgetippt haben. Seit Sonntag ist Mark entlassen und hat begonnen, seine Hafttagebucheinträge selbst abzutippen. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Nachtrag noch zu gestern, Donnerstag  31.05.2012 – Tag 7
Beim Hofgang mit Tischtennisspielen (der Innenhof ist ca. 15 x 10 m, also recht klein) habe ich mit einem Mithäftling gesprochen, der seit zwei Tagen da ist und nun für einen offeneren Vollzug auf einen Bauernhof auf der schwäbischen Alb verlegt wird. Es gibt auf dem Gelände der JVA Rottenburg ganz unterschiedliche Arten des Vollzuges: in manchen Häusern (ich glaube 3 und 4) sind die Zellentüren tagsüber offen und die Häftlinge können sich frei bewegen in Teilbereichen des  Hauses, in anderen (ich glaube es sind Haus 1 und 2) wiederum nicht.
Auch bei uns im Haus 8 haben offensichtlich Gruppen von Häftlingen einen offeneren Vollzug – zumindest glaube ich das an den Geräuschen zu hören, insbesondere spätnachmittags und am frühen Abend. Zum Hofgang und zum Duschen werden immer Grüppchenweise mehrere Zellentüren geöffnet – dadurch sind wir beim Hofgang meist zwischen 3 und 7 Personen. Zum Duschen weniger, so dass ich die Dusche bisher immer für mich alleine hatte.
Ein anderer Mithäftling, der längere Zeit in Stammheim saß, berichtete uns von teilweise katastrophalen Verhältnissen dort, insbesondere wenn Häftlinge in den Zellen auf Drogenentzug kommen und randalieren oder aus welchen Gründen auch immer gewalttätig sind und dann Mithäftlinge in der Zelle und auch Justizbeamte bedrohen und  verletzen, wenn sie austicken. Deshalb müsse häufig die Polizei gerufen werden, die einrückt – denn Justizvollzugsbeamte sind unbewaffnet, zumindest habe ich hier drin noch nie eine Waffe gesehen – sehr angenehm nach knapp zwei Jahren Erfahrungen in unserer Stuttgarter Innenstadt, wo ich mir beim Beobachten und Erleben der unzähligen Polizeitruppenaufmärsche häufig  vorgekommen bin, wie ich es mir teilweise in Santiago de Chile unter Pinochet vorstellte – nur eben nicht das Militär, sondern Polizeitruppen in unterschiedlicher Montur. Vielleicht wurde deshalb die schöne Aussichtsplattform auf dem Haigst unweit der Zahnradbahnhaltestelle jüngst in „Santiago de Chile – Platz“ umgetauft, um dieser Assoziation auch namentlich Rechnung zu tragen. weiterlesen

Post aus dem Knast – Teil 6

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Mittlerweile haben wir sechs Hafttagebucheinträge erhalten mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir nach und nach abtippen werden. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Donnerstag, 31/5/2012

Gestern wurde mein Zimmernachbar entlassen. Ich sage Zimmer statt Zelle, weil wir es in den letzten Tagen geschafft haben, aus dieser Zelle ein Zimmer zu machen – Böden, WC und das vergitterte Fenster geputzt, Staub gewischt. Dazu haben wir Handtücher und Duschgel zur Verfügung – Handtücher ausreichend, um je eines zu „Putzzwecken“ Zweck zu entfremden. Seit Freitag konnte ich bisher zweimal duschen – doch im Zimmer gibt es ein Waschbecken mit fließend kaltem Wasser, so dass ich morgens immer eine „Waschbecken“-Dusche nehme – meinen Kopf kann ich so gerade eben zwischen Wasserhahn und Waschbecken quetschen, um mir die Haare zu waschen, dazu haben wir so eine Art Waschlappen zur „Ganzkörperwäsche“.

Ich bin froh, dass mein Zimmernachbar ebenfalls großen Wert auf gute hygienische Zustände legt, ansonsten hätte es mir den Aufenthalt hier deutlich unangenehmer gemacht. Es war gleich am ersten Tag seine Idee, dass wir jeden Tag den Boden nass wischen, um hier barfuß laufen zu können. Die Beamten kommen in der Regel nicht in die Zelle rein – mit einer Ausnahme vom ersten Tag, als ich nachmittags eingeschlafen war und ich nach Angaben meines Mitinsaßen auf Zuruf nicht sofort reagierte. Überhaupt fällt mir hier auf, dass sich Beamte und Wärter oft verhalten, wie ich es beim Füttern der Fische im Aquarium oder beim Beobachten der Fütterung von Tieren in der Wilhelma immer wieder erlebe: Das Klicken der Türschlösser oder der Zuruf wirkt wie ein konditionierter Schlüsselreiz – die meisten Häftlinge reagieren sofort darauf. weiterlesen


Post aus dem Knast – Teil 5

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Mittlerweile haben wir sechs Hafttagebucheinträge erhalten mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir nach und nach abtippen werden. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Mittwoch 30/05/2012 Hafttagebuch Tag 6

Gestern morgen rief ich Markus noch daheim an – es hat mich gefreut, mit ihm zu sprechen und er plant, mich hier besuchen zu kommen. Erst gestern morgen wurde ich auf Nachfrage darüber informiert, dass er alle möglichen Anträge gibt, wegen Eigengeld, Telefon, Anfrage auf Besuch, sonstige Anfragen u.a. Seelsorge usw. Dabei wurden mir die Anträge ausgehändigt – die meisten sind für mich wertlos, da die Bearbeitung so lange dauert, dass ich da schon wieder draußen bin. Eigentlich hätten mir diese Anträge bereits bei meinem Haftantritt ausgehändigt werden sollen – es wurde vergessen, wie der Beamte verdutzt feststellte, als ich ihm mitteilte, dass ich keinen Tabak mehr habe und entweder meinen eigenen Reservetabak haben will, der mir nicht ausgehändigt wurde, oder aber von meinem mitgebrachten Geld Tabak besorgt und mir ausgehändigt wird. Nun habe ich heute die Anträge gestellt – schauen wir mal. weiterlesen


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