Tagebuch eines Aussteigers – Teil 1

Hier veröffentlichen wir in loser Folge die Briefe von Thomas, der nach 8-monatiger Vorbereitung seine Wohnung in Stuttgart kündigte, um in einem 4 Ar großen Gartengrundstück – so naturverträglich wie möglich – im Schurwald zu leben. Ganz aus der Gesellschaft ausgestiegen ist Thomas aber nicht, seine politische Arbeit führt er mitten aus der Natur fort. Fragen, Zuspruch, Briefe (hier gehts zur Anschrift) etc. leiten wir gerne an ihn weiter.

1. August 2013

Heute ist der erste Tag von meinem Experiment. Gestern war die offizielle Wohnungsübergabe und Schlüsselübergabe meiner bis dato bezogenen Wohnung in Stuttgart.

Ab heute ist es so, dass sich nur noch eine Postanschrift im Stuttgarter Westen habe und ansonsten in meinem Garten im Schurwald lebe. Das Gartenhaus-Grundstück ist ca. vier Ar groß, hat eine kleine Hütte von ca. 5 m², mehrere Streuobstwiesenbäume, Hasselnuss, Wacholder und Brombersträucher. Es ist sehr schön verwachsen und in ca. 100 m ist eine Quelle (sogar Trinkwasser).

Wasser, habe ich in meinen ca. acht Monate langen Vorbereitungen bereits erfahren dürfen, ist das Wichtigste. Vieles ist ersetzbar, anbaubar, beschaffbar oder zu konstruieren, Wasser und eine Quelle nicht. Und Wasser ist eine Ressource, die frei in der Natur vorkommt und deshalb hat auch jede Person und jedes Tier das Recht, freien Zugang zu Wasser zu bekommen. Jegliche Initiative zur Privatisierung von Wasser, Kommerz oder Regulierung ist ein Verbrechen.

Es ist bei weitem nicht so, dass jetzt die Wohnungsübergabe war, ich meinen Kram packe und alles in den Garten transportiere. Ich musste Vorbereitungen treffen, die ca. ¾ Jahr in Anspruch genommen haben. Im Garten habe ich erstmal die Laube von innen herrichten müssen, ein Kompostklo habe ich gebaut und eine Naturdusche. Mein Anspruch von Anfang an ist, so naturverträglich und naturintegriert wie möglich zu leben. Ich möchte mich der Natur anpassen, von ihr lernen und mich als ein Teil einfügen. Dazu gehört ganz klar, dass ich den Stromanschluss abgelehnt habe. Ich möchte für mich die Erfahrungen machen umzudenken, mich zwingen, andere Wege zu gehen und mir neue Lösungen einfallen zu lassen oder mich für Tipps jeglicher alternativen Art zu öffnen.

Ich möchte mir viel Zeit geben, um zu experimentieren, um neue Wege auszuprobieren und neue Erfahrungen zu machen. Ich strebe für meine Herausforderungen, vor die ich gestellt werde, klare und enge Maßstäbe an mich an. Ich möchte für das, was ich tatsächlich benötige, kein Geld ausgeben, strebe Lösungen an, mit Gebrauchsgütern, Spenden oder was die Natur und Umwelt mir anbietet bewusst und respektvoll umzugehen. Ich möchte raus aus dem Konsum und der Geldfalle. Nix ist langweiliger, als in einer Shopping-Mal, einem Supergiga-Einkaufsmarkt oder Baumarkt einen unnützen Quatsch oder vorgefertigte Produkte zu kaufen. Durch diesen Konsum verkümmert mein Hirn und meine Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Natur zurechtzukommen gehen dadurch schrittweise und schleichend verloren.

Aber diese Umstellung ist ein Prozess, ein Prozess, der niemals zu Ende geht, ein Prozess in dem Mensch ständig vor neuen Herausforderungen steht. Wie löse ich das mit dem Kochen? Das Licht? Die Kommunikation? Brauche ich ein Handy? Einen Laptop? Wie bin ich erreichbar, wie kann ich im Notfall Hilfe holen? Wie schütze ich mich hier? Wie komme ich in der Natur zurecht? Was benötige ich zum Leben? Was ist, wenn ich krank werde? Fragen, die erst beim Leben selbst beantwortet werden, dennoch eine Vorbereitung benötigen. Teil dieses Lebensexperiments ist auch, dass ich zum Umzug in den Garten keinen eigenen Pkw mehr hatte – auch abgegeben, an eine Ökodorfinitiative in Polen. Wie löse ich also das Transportsystem, wer hilft mir, wer unterstützt mich dabei? Situationen, zu denen ich mir bereits im Vorfeld Gedanken machen musste, gezwungen war, neue Wege zu gehen. Einen Transporter auszuleihen ist langweilig und und kreativ und macht einsam.

Ein Problem, das schnell gelöst war, war auch, dass die Lebensmittel im Garten nicht vor Feuchtigkeit geschützt sind. Hier habe ich sehr viel Einmach- und Weckgläser bekommen. Ein Salzstreuer zum Beispiel muss nun immer in einem verschlossenen Glasbehälter sein. Nudeln, Reis, Mais, Haferflocken zum Beispiel müssen vor Siebenschläfern, Mäusen, Käfern, Fliegen et cetera geschützt gelagert werden.

Wie kühle ich Lebensmittel, also Margarine, Milch, Getränke, Joghurt, Obst und Gemüse ohne Strom und ohne Kühlschrank? Zum Glück gibt es unter der Hütte einen kleinen Verschlag, ca. 30 × 50 cm groß und 50 cm tief, und ein im Haus eingebettetes versiegeltes Loch. Aber ich bekam auch den Tipp, eine alte Waschtrommel im Gartenboden zu verbuddeln, sodass keine Tiere ran kommen. So kann Mensch auch Äpfel, Karotten, Rote Bete und vieles mehr über den Winter bringen.

Wie koche ich? Bis jetzt leider noch mit Gaskartuschen und einem Brenner oder Lagerfeuer, ab nächste Woche hoffentlich mit einer weiteren Variante: einem Solarkocher, vermittelt von einem Bekannten. Zudem möchte ich mir noch einen Lehmofen bauen. Lehm, Sand und Stroh habe ich schon dafür organisiert, dann kann ich auch hier selber mein Brot backen. Apropos Ofen, habe ich für die Hütte auch noch keinen für die kalte Jahreszeiten…

Lösungen sind nötig, für die für uns mittlerweile normalsten und gängigsten Sachen und Gelegenheiten. Doch eines stimmt mich da sehr zuversichtlich, dass die Menschen auch in Mitteleuropa bis zur industriellen Revolution auch so gelebt haben. Auch Vordenker wie Pestalozzi hatten schon so einige Modelle parat, die heute der letzte Schrei sind, fast schon würdig sind, einen Innovativpreis zu bekommen…

Ja, nun stehe ich vor dieser Aufgabe, habe Zeit und kein Geld und die Hoffnung, dass ich auch wieder besser mit dem Leben klarkomme. Jeden Tag in Lohnarbeit zu stehen, den Großstadttrubel zu bewältigen, den Lärm und Stress ertragen zu müssen, da wenig Zeit etwas selber zu machen – ständig konsumieren zu müssen. All dies ist für mich überdenkenswert und bedarf neuer Wege.

Für meinen ersten Bericht möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich auch viele Anstrengungen unternommen habe, die von mir nicht mehr benötigten Konsumgüter nicht einfach zu entsorgen. Ich wollte auf dem Weg in das Experiment auch so wenig Abfall und Müll hinterlassen und habe mich bemüht, alles nicht mehr für mich notwendige möglichst an andere weiterzugeben. Verschenken, abgeben, Gegenstände auf die Straße stellen mit Schild zum Zugreifen und Mitnehmen, Hausflohmarkt, waren die hauptsächlichsten Erfolge, sodass ich schließlich nur eine Sperrmüllkarte zum Schluss ausfüllte, recht wenig auf die Straße stellte und das meiste davon auch schon vor dem Sperrmüllwagen in neue Hände übergegangen war.

Auch das ist für mich wichtig, dass fast jeder Gegenstand noch eine Verwendung hat und nicht nur nutzlos mit Energie- und Ressourcenaufwand produziert wurde. Es gibt viele Menschen unter uns, die einen gebrauchten Gegenstand schätzen und als wertvoll erachten und somit, vielleicht auch unbewusst, einen Teil zur Rettung unseres Planeten beitragen. Die ganze Neu- und Überproduktion und der verschwenderische Einsatz von unnötiger Energie und Ressourcen killt unsere Umwelt, Flora, Fauna und nicht zuletzt den Planeten. Wir, die Menschheit, haben nicht das Recht, haben es von niemandem bekommen, allein aus Wirtschaftsgründen und einem ausbeuterischen und von Abhängigkeit dominierten Denken diesen Planeten zu zerstören – er gehört nicht uns!

Jetzt ist der erste Tag bei mir rum, hinein in viele weitere Tage, Wochen und Monate. Wohin mich mein Weg führt, weiß ich noch nicht. Ich bin selber sehr gespannt und neugierig, ob ich das schaffe und wie lange. Ich danke dir, Julia, das du mich über diese Form begleitest, es ist auch für mich sehr interessant auch über diesen Weg mich selber zu reflektieren. Danke an alle, die mich in den letzten Monaten begleitet und unterstützt haben, danke an alle, die mir geholfen haben, den Garten vorzubereiten, Lösungen mit durchdacht haben und mich auch in stressigen Situationen ertragen haben.

Den Tag beendete ich heute bei Tageslicht mit dem Pflanzen von zwei Eichen, die ich vor ein paar Wochen bekam. Ich denke, heute war der richtige Tag zur Pflanzung. Neues entsteht, wenn wir es machen!

Thomas

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Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

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