Karls Haft-Tagebuch – Teil 5

Über Karls Haft-Tagebuch: Als zweiter Stuttgart 21 – Gegner hat Karl Braig am Montag, 18.02.13 eine Ersatzfreiheitsstrafe von 15 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus und einer Feldbefreiungsaktion zu 55 Tagessätzen verurteilt worden. 15 davon wird er in der JVA Rottenburg absitzen. Auf Blog NAU! veröffentlichen wir Karls Haft-Tagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Wer mag, kann Karl mit einer Patenschaft unterstützen und einen Tagessatz übernehmen. Rechtshilfefonds Kritisches Stuttgart, Rechtsanwalt M. Mauz, Kto.Nr. 7018242800 BLZ 430 609 67, GLS-Bank, Motto: „Karl“. Seine Adresse in der Justizvollzugsanstalt: Karl Braig, JVA, 72108 Rottenburg, Schloss 1.

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Rottenburg 26.2.2013

Hallo ihr unentwegte Widerständlerinnen draußen!

Jetzt hat es mich doch ein wenig eingerissen mein Schnupfen nimmt leider zu, so dass mich dies in meinen Aktivitäten bremst. Vielleicht habe ich einfach die „Schnauze voll“, nachdem ich mitbekommen habe, was Grube, Verkehrsminister Ramsauer und laut Stuttgarter Nachrichten auch unser Ministerpräsident Kretschmann sagte, der sich immens noch die Legitimation vom Volksbetrug – manche sagen auch Volksentscheid dazu – holt. Dass darf doch nach all den neuen Enthüllungen nicht wahr sein.
Mein Mitgefangener in meinem Zimmer ist 41 Jahre alt und muss insgesamt drei Monate absitzen. – Alkohol am Steuer mit Unfallfolge, keine Verletzte. Er ist selbstständig und sucht Ende Mai nach der Entlassung im Raum Stuttgart einen Job. Vielleicht gibt es in unserem Widerstand jemanden, der ihn einstellen könnte? Anfragen bitte an meine E-Mail eebraig [at] web.de schicken – vielen Dank.

Heute Mittag habe ich mit zwei Inhaftierten auf Einladung Skat gespielt. Der 73 -jährige musste neun Monate wegen Kleindelikten absitzen. Jetzt hat er noch zwei Wochen. Nachdem wir etwas vertraut wurden, erzählte er mir ein paar Episoden aus seinem sehr bewegten Leben. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie ungezwungen sich manche Mithäftlinge öffnen. Es herrscht hier in jenem „Hexenhäusle“ – so heißt dieses kleinste „Knastgebäude“der JVA Rottenburg – ein sehr gutes Verhältnis untereinander. In diesem Haus werden nur Kurzhäftlinge aufgenommen und keine schweren Jungs auch der zuständige Gefängnisangestellte bemüht sich wirklich um ein gutes Verhältnis untereinander, so habe ich es bis jetzt wahrgenommen. Manche dieser schweren Jungs habe ich gestern und heute im Sanitätsgebäude im Warteraum getroffen ich bin froh, dass ich hier bin und nicht in den Gebäuden, die im Gangbereich noch genauso aussehen, wie in den Filmen. Drei- oder vierstöckige Metalletagen, von denen aus die Zellen weg gehen. Da verbindet man doch andere Szenen.

Ihr seid einfach super – nicht nur dass ich heute 45 Postkarten und 18 Briefe bekam – echt irre – vielen Dank. Sondern auch die Blockade gestern, Montag, im Rosensteinpark anlässlich der weiteren Rodung – wieder waren es zehn Menschen die sich der weiteren Zerstörung in den Weg gesetzt haben und deutlich machten – wir lassen es nicht zu, dass S21 gebaut wird. Sie müssen immer, auch in der Zukunft, damit rechnen, dass wir Widerstand leisten.

Warum machen wir solche Aktionen? Für alle, die den Hintergrund noch nicht so kennen, möchte ich meine Einstellung zu diesen „gewaltfreien“ Aktionen anführen. Dazu bezeichne ich diesen Kampf für den Erhalt vom Kopfbahnhof nicht als eine Punkt-Bewegung, sondern es geht um weit mehr. Es geht um die Frage, wie wollen wir in Zukunft miteinander leben. Die alte Ideologie von Grube und Merkel, weiter so, mehr Energieverbrauch, mehr Individualverkehr, mehr Flugverkehr, mehr Betonisierung von Innenstädten ist ein für alle Mal am Ende. Staubbelastung, Lärmbelastung und Verschlechterung der Lebensverhältnisse der BewohnerInnen der Städte sind die Folgen. Es gibt immer mehr Klimaprognosen, die bestätigen, dass die Menschheit bis 2100 die weltweit angestrebte Erwärmung 2° nicht schaffen wird. Dazu müssten revolutionäre Veränderungen auf allen Gebieten der Politik durchgesetzt werden. Nicht im Sinne vom Umweltminister, Wirtschaftsminister und Merkel, die sehr viele Fensterreden halten, tatsächlich aber genau das Gegenteil machen.

Als Berater für erneuerbare Energien, der in diesem Bereich schon viele Jahre aktiv ist, auch beruflich, sehe ich diese Lügen konkret in der Umsetzung zum Beispiel die gewollte Verlangsamung boomen der erneuerbaren Energiebewegung im PV Bereich . Wenn wir die Klimaveränderungen ernst nehmen, aber auch nicht zu ernst so dass wir gar nichts mehr machen, sollten wir so schnell wie möglich mit dieser überholten Ideologie brechen. Ein kriminelles Projekt wie S21 passt nicht mehr in unsere Zukunftsplanung.

So gibt es noch weitere aufgezwungene, unnötige und zerstörerische Projekte wie zum Beispiel AKW, Kohlekraftwerke und jetzt auch in Deutschland die geplanten Fracking-Gasgewinnung die das Grundwasser für Millionen von Menschen wie Berichte aus den USA beweisen verseuchen im Bodenseeraum wurden schon die ersten Bohrungen gemacht. Wir brauchen dieses Fracking gar nicht, weil schon seit vielen Jahren mehrere Zukunfts-Szenarien fachlich fundiert von vielen Umweltinstituten entworfen wurden, die belegen, dass wir relativ schnell auf 100 % umweltschonende, erneuerbare Energien umsteigen können. Es reicht, wenn wir die schon jetzt zur Verfügung stehende Technologie weltweit würden (siehe zum Beispiel http://www.sfv.de).

Dabei ist es auch wichtig, unseren Energieverbrauch um 50 % zu reduzieren – was schon Hermann Scheer in seinem Buch „das Energiekraftwerk“ vor mehreren Jahren beschrieben hat und die Energieeffizienz. Wenn viele Menschen sich dessen bewusst werden, und dies auch umsetzen, und das relativ schnell, dann sehe ich noch eine Chance, den Klimawandel in den Griff zu bekommen dass auch unsere Kinder und Enkel mit diesem leben können.

Wir haben nicht mehr viel Zeit und es ist mühsam, darüber zu spekulieren, ob wir eine Minute vor 12 Uhr oder schon ein paar Minuten danach sind.

Wichtig für mich und für viele MitstreiterInnen ist eine positive Beschreibung dieser neuen Zukunft. Ich möchte ein paar Punkte anführen: das ist für mich die Unterstützung der ökologischen kleinbäuerlichen Struktur durch den Einkauf von Bio Waren in eher kleinen Bioläden die auch regionale Produkte haben.
– Im Bestreben, Heizung und Brauchwasser mit erneuerbaren Energien zu erwärmen,
– weit mögliche Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr und Mitwirkung, dass dieser mit erneuerbaren Energien betrieben wird
– im Bestreben, Waren und Kleidung von Firmen zu kaufen, die belegen, dass diese ökologisch, baldmöglichst regional und sozial gefertigt werden. Diese Suche ist sehr aufwändig, doch in den Bioläden und eine Welt Läden oder im Versand Handel zum Beispiel Waschbär, Hess kann man fündig werden.
– Im Bestreben, auch mein neue Lebensformen zu suchen, wo man miteinander all diese positiven Ansätze umsetzen kann. Dieses Miteinander gibt uns die Kraft, diesen neuen Weg zu gehen
– Umstieg von konventionellen, nur nach Gewinnstreben den Banken auf soziale und ökologische Banken wie zum Beispiel Umweltbank, GLS Bank
– Umstieg von konventioneller Energieversorgung, wer noch seine Energien aus Kohlekraftwerken oder Atomkraftwerken bezieht auf reine Ökostrom und Ökogas Anbieter wie Schönau Stadtwerke, Lichtblick, Naturstrom und Greenpeace Strom. Auch manche Stadtwerke arbeiten schon mit Anbietern von 100 % erneuerbaren Energien zusammen.

Diese Aufzählung kann man weiterführen und ich selber bin auch noch immer auf der Suche. Was hat das alles mit dem Widerstand gegen S 21 zu tun? Ich bin der Überzeugung das es uns leichter fällt Widerstand zu leisten, wenn wir auch konkrete positive Zukunftsansätze wie zum Beispiel K 21 haben. Widerstand ist deshalb nötig, weil dieses zerstörerische Projekt S 21 gegen alle meine zukünftigen und nach meiner Auffassung lebensnotwendigen Leitbilder widerspricht. Wenn ich fest davon überzeugt bin, dass dies so ist, habe ich keine andere Möglichkeit, als diese Zerstörung aufzuhalten aber wie? Ich könnte dies mit Gewalt versuchen, in alle anderen Methoden nicht dazu führen. Dies halte ich aber nicht für zielführend, da Gewalt meistens wieder Gegengewalt provoziert. Dabei ist zu beachten, was man unter Gewalt im Falle versteht und gegen wen diese gerichtet wird. Diese Gewalt Diskussion wird uns oft von den Betreibern solcher zerstörerischen Projekte aufgezwungen, um unseren Widerstand zu spalten.

Diese Betreiber üben nach meiner Einschätzung mit der Planung und Umsetzung eines so dummen Projekts eine so große kriminelle Gewalt aus, dass es dem Betreiber nicht zusteht, sich in unsere, oft auch notwendige Diskussion der richtigen und notwendigen Aktionsformen einzumischen und die eine oder andere zu kriminalisieren. Im Bewusstsein, die zerstörerische Entwicklung nicht mehr allein mit Demonstrationen aufhalten zu können – Ministerpräsident Strauß aus Bayern sagte, wo es um den Bau der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf zur Reaktivierung von Atombrennstäben geht: „Ihr“ – und damit hat er die Demonstrantinnen gemeint – „demonstriert, wir regieren,“ d.h. viele Politiker und die Lobbyisten erkennen die Demonstration nicht mehr als ein Machtmittel an, um Fehlentscheidungen zu korrigieren. Die 161 Montagsdemos und die vielen anderen Demos haben schon viel erreicht, aber, da sie oft nur einen appellativen Charakter haben, können Sie von den Machthabern auch leicht ignoriert werden. Sie bewirken keine grundsätzliche Veränderung ihrer Entscheidung sowie Merkel und Grube aktuell wieder sagen: es 21 wird gebaut.

Aus dieser machtpolitischen Analyse heraus, komme ich zu dem Ergebnis, dass ich mit Aktionen noch entschiedener in den normalen Ablauf des „Weiter so“ eingreifen muss. Dabei sind Sitzblockaden und symbolische Besetzungen Aktionsformen, die nach der Meinungsfreiheit Art. 5 und Art. 8 Versammlungsfreiheit im Grundgesetz und nach dem Versammlungsgesetz meist abgedeckt sind. Dadurch dass der Notstand oder das Übel von S 21 und deren Auswirkungen eingebettet in die Ideologie des „Weiter so“ gegen viele Grundrechte zum Beispiel Art. 2, jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, verstößt, ist es nach meiner Auffassung nicht nur unser Recht, sondern notwendig diese Fehlentscheidungen zu stoppen. Wir signalisieren in der Aktion, dass daraus keine Gewalt im Sinne einer Gefahr für Menschen ausgeht. Sie ist in sich nicht aggressiv und doch entschieden. Wir sind sowohl in der Aktion als auch nach der Aktion zum Beispiel bei Verhandlungen und bei weiterführenden Konsequenzen wie Geldstrafen und Knast solidarisch. Immer dann, wenn die Aktionen von vielen Menschen gleichzeitig gemacht werden, wird der Charakter des Widerstands auch optisch deutlicher. Diese Besetzungen und Blockaden haben im Kampf gegen den Bau von AKWs, gegen Aufrüstung, gegen Beteiligung im Krieg an der Frankfurt Airbase, in Wackersdorf, beim G8 in Rostock, gegen Agro-Gentechnik, in Gorleben, gegen Aufmärsche von Neonazis starke Zeichen des Widerstands hinterlassen und waren oft erfolgreich. Auch wir in Stuttgart haben mit vielen Sitzblockaden und Besetzungen deutlich gemacht, dass wir S 21 nicht wollen. Warum es bis jetzt noch nicht gereicht hat, liegt sicher auch daran, dass dieses Symbol S 21 machtpolitisch sehr stark ist.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir diesen Kampf gegen das „Weiter so“ und für eine Entwicklung einer lebenswerten Zukunft auch im Zusammenhang mit S 21 gewinnen, wenn wir noch enger zusammen rücken und weiter solche Widerstandsaktionen durchführen.

Ich weiß nicht, ob es schon eine Gruppe gibt, die konkreter an einem Solardach für K 21 plant. Wer etwas weiß oder Lust hat, dieses Thema jetzt aufzugreifen und dies zu einer Stuttgarter BürgerInnen Solaranlage Projekt entwickeln will – vielleicht auch mit der Möglichkeit, Absichtserklärungen zur Übernahme von Anteilen zusammen, kann sich bei mir melden. Dies könnte ein Auftakt zur Produktion von Ökostrom für die neue Bundesbahn DB-BG (Beyond Grube=nach Grube) bedeuten.

Wir bleiben oben
es grüßt euch alle solidarisch
Karl

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Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

One response to “Karls Haft-Tagebuch – Teil 5

  • planb

    Das ist so super Karl, ich bin auch dabei zu denken wir sollten den Bahnhof kaufen und unser eigenes Ding machen: Dein Vorschlag mit dem Solardach finde ich einen tollen Anfang, wir gründen die Köpfle GenossInnenschaft. Wenn Du wieder draußen bist werde ich Dich ansprechen.

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