Karls Haft-Tagebuch – Teil 3

Über Karls Haft-Tagebuch: Als zweiter Stuttgart 21 – Gegner hat Karl Braig am Montag, 18.02.13 eine Ersatzfreiheitsstrafe von 15 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus und einer Feldbefreiungsaktion zu 55 Tagessätzen verurteilt worden. 15 davon wird er in der JVA Rottenburg absitzen. Auf Blog NAU! veröffentlichen wir Karls Haft-Tagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Wer mag, kann Karl mit einer Patenschaft unterstützen und einen Tagessatz übernehmen. Rechtshilfefonds Kritisches Stuttgart, Rechtsanwalt M. Mauz, Kto.Nr. 7018242800 BLZ 430 609 67, GLS-Bank, Motto: „Karl“. Seine Adresse in der Justizvollzugsanstalt: Karl Braig, JVA, 72108 Rottenburg, Schloss 1.

20130218-DSC_7873
Dritter Brief, Rottenburg 21.2.2013

Hallo liebe Mitstreiterinnen
heute bin ich vom Eingangsbereich in das Haus fünf, ein relativ kleines und altes Haus, umgezogen. Unsere Zelle ist ca. 10 m², zwei Metalletagenbetten, zwei kleine quadratische Tischchen, ein Waschbecken und drei Hängeregale mit zwei Türen, wo wir unsere Kleider und Schreibutensilien unterbringen können. Das ist alles sehr alt, aber sauber. Das Fenster ist wie in einer Kellerwohnung auf 2 m Höhe, so dass wir nicht nach außen sehen können. Die Toiletten sind im Nebenraum untergebracht, so dass die Zelle immer offen sein muss. Unsere Zelle, der Gang, von wo aus noch drei weitere Zeilen zu begehen sind und die Toiletten bilden eine Einheit.

Der Tagesablauf in diesem Haus ist folgender: Zwischen 6:00 Uhr bis 7:00 Uhr aufstehen, um 7:00 Uhr gibt es Frühstück (Kräutertee und ein paar Mischbrotscheiben; Zucker, Margarine und Zuckergelee gab es schon rationiert für zwei Wochen am ersten Tag). Wenn du nicht zur Arbeit gehst oder sonst nichts anfällt, ist die Zelleneinheit bis 11:30 Uhr geschlossen, Mittagessen – auch vegetarisch möglich, dann wieder Zuschluss bis 14:00 Uhr, ab 14:00 Uhr Möglichkeit duschen zu gehen, um 15:00 Uhr ist Hofgang angesagt – wer will und um 16:00 Uhr ist wieder Zuschluss bis 17:00 Uhr, Abendessen (heute gab es sogar drei Brötchen, Käse oder Wurst) und anschließend wieder Zuschluss bis zum nächsten Morgen. Wir sind zu zweit in unserer Zelle. Heute bekam ich, neben den vielen Postkarten, von Monika und Peter ein ganz persönliches Schlüsselband für den Schlüssel in die Freiheit und von Monika das Buch Hartland – zu Fuß durch Amerika – euch allen dafür vielen Dank.

In der SWR-Tagesschau habe ich mitbekommen, dass der stellvertretende Aufsichtsrat sich weigert, die Entscheidung über den Weiterbau von S 21 zu treffen und den Ball wieder an die Mitglieder des Lenkungskreises zurückgibt. Das kann ich gut verstehen, nichtsdestotrotz muss der Aufsichtsrat entscheiden, ob er und in welcher Höhe er bereit ist, die Mehrkosten zu bewilligen – so habe ich das wenigstens verstanden. Man wird gespannt sein, wie das Hin- und Her-Schieben der Verantwortung und Entscheidung weitergeht.

Ihr seid ja sicher alle schon in den Startlöchern für die Demo am Samstag. Wir hoffen alle, dass es eine aussagekräftige Demo/Kundgebung wird, die auch Mut macht, entschieden gegen das jetzige Weiterbauen der Bahn vorzugehen. Kein weiteres Faktenschaffen!

Bis jetzt sind mir die Dienstags-Protestaktionen ab 6:30 Uhr vor der Baustelle am ehemaligen Nordflügel bekannt, die es wert sind, intensiv unterstützt zu werden; speziell die am 5. März, wo zeitgleich der Aufsichtsrat tagt. Diese soll wieder eine größere Protestaktionen werden. Nach unserem Aktionskonsens akzeptieren wir die Regelungen nicht, die dazu führen, dass S 21 weitergebaut wird. Ich denke, dass jetzt ein wichtiger Zeitpunkt ist, Zeichen zu setzen, die eindeutig die Sprache sprechen, dass wir den Weiterbau von S 21 nicht mehr dulden. Das schaffen wir nur, wenn wir alle gemeinsam dies machen und unsere teilweise unterschiedlichen Einstellungen zurückstellen.

Das haben wir in den letzten Jahren schon öfters hin bekommen, ich denke an die große Blockade am Nordflügel, am Südflügel und am 30.9. bei der Parkräumung. Das waren starke Zeichen, wo wir alle miteinander zusammen standen, miteinander mobilisiert hatten, miteinander organisiert und miteinander diese Aktionen durchgezogen hatten. Da brauchen wir uns nicht zu verstecken, im Gegenteil. Das war großartig und ich bin mir sicher, dass wir das in ähnlicher Form wieder hin bekommen. Unsere politischen Gegner müssen spüren, dass sie, wenn sie weitermachen, ständig mit diesem Widerstand rechnen müssen. Dieser Widerstand ist nicht nur legitim, sondern dringend notwendig und mich freut es, wenn auch das Aktionsbündnis wieder in dieser Richtung aktiv wird.

Ich wünsche euch viel Power am Samstag und bei den darauf folgenden Aktionen.

Oben bleiben – wir werden es schaffen
Gruß Karl – Baustopp selber machen!

Ich habe keine Briefmarken!

Advertisements

Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

One response to “Karls Haft-Tagebuch – Teil 3

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: