Karls Haft-Tagebuch – Teil 2

Über Karls Haft-Tagebuch: Als zweiter Stuttgart 21 – Gegner hat Karl Braig am Montag, 18.02.13 eine Ersatzfreiheitsstrafe von 15 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus und einer Feldbefreiungsaktion zu 55 Tagessätzen verurteilt worden. 15 davon wird er in der JVA Rottenburg absitzen. Auf Blog NAU! veröffentlichen wir Karls Haft-Tagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Wer mag, kann Karl mit einer Patenschaft unterstützen und einen Tagessatz übernehmen. Rechtshilfefonds Kritisches Stuttgart, Rechtsanwalt M. Mauz, Kto.Nr. 7018242800 BLZ 430 609 67, GLS-Bank, Motto: „Karl“. Seine Adresse in der Justizvollzugsanstalt: Karl Braig, JVA, 72108 Rottenburg, Schloss 1.

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Mittwoch 20.2.2013

Hallo Ihr alle

Da ich nicht weiß, was euch interessiert, bin ich einfach mutig und schreib etwas über das, was ich hier so wahrnehme und was mich persönlich beschäftigt.

Heute war richtig viel los, so dass ich kaum zum Lesen kam. 34 Postkarten und acht Briefe, darunter ein Buchgeschenk „Ein sturer Hund“ von Heinrich Steinfest von Esky bekam ich heute Früh von dem Angestellten in die Hand gedrückt – echt der Hammer – euch allen vielen Dank – Bei den Postkarten waren viele Motive von S 21 dabei, wo mir wieder deutlich wird, wie kreativ unser Widerstand ist. Ob Essenspakete bis zu mir durchkommen, weiß ich nicht. Es ist gut gemeint, aber nachdem ich heute Früh bei der Gesundheitsuntersuchung auch auf die Waage musste, werde ich die nächsten Tage hier in der Haft auch weniger auf das Essen achten als auf andere Dinge. Lasst uns die Leckereien bei der mindestens einwöchigen Feier verzehren, wenn S21 gestoppt wurde, was wir hoffentlich bald machen können.

Noch ist es nicht soweit, auch wenn es gut klingt, dass der Aufsichtsrat der DB jetzt entscheiden muss, ob er oder noch jemand anders – ein Sponsor oder mehrere – vielleicht Firmen der Baubranche und Immobilienbranche oder Finanzwelt? – Die geforderten Millionen/Milliarden absichert. Ja, es könnte sein, dass die Finanzen der Knackpunkt sind wodurch es 21 fällt – aber wenn nicht?

Ich denke, wir sollten stärker die im letzten Stern vom 14. Februar sehr gut zusammen getragene Kick-Punkte in die Diskussion bringen. Vor allem der verfassungswidrige Rückbau – das darf keine „grüne“ Politik mittragen – eine grüne Politik, die aus der Umweltbewegung entstanden ist, darf eine Reduzierung von öffentlichem Nahverkehr nicht akzeptieren. Damit würde sie fundamental gegen ihre Leitbilder handeln und damit auch den Klimawandel nicht bremsen, sondern forcieren. Es ist mir eh ein Rätsel, warum eine grün-rote Landesregierung und ein Stuttgart mit einem grünen OB noch kein Veto im Lenkungskreis eingelegt hat. – Ist unser Druck nicht groß genug?

Stattdessen wird die Entscheidung an den Aufsichtsrat abgewälzt – da müssen wir in der Bewegung aufpassen, dass wir nicht wieder den Fehler machen, Entscheidungen abzugeben, zum Beispiel wie beim Volksentscheid, der auf Lug und Betrug fundierte. Deshalb mein Leitbild in der politischen Auseinandersetzung: „Politik selber machen“. D.h. wenn die Stuttgarterinnen nicht wollen, dass S21 gebaut wird, dann setzen sie mit Aktionen den Stadtrat unter Druck, dass er ein Veto einlegt. Und wenn wir Baden-Württembergerinnen kein S21 wollen, zwingen wir die Landespolitiker mit Aktionen landesweit, dass ein Veto im Lenkungskreis eingelegt wird – vielleicht sollten wir wieder mal zu einem landesweiten Aktionstag gegen Umwelt-, Kultur- und menschenzerstörende aufgezwungene und unnötige Großprojekte aufrufen. Da kann dann jede Stadt neben S 21 auch ihre eigenen Projekte mit darstellen.

Wichtig scheint mir, jetzt nicht darauf zu hoffen, irgendwie wird es schon zu Ende gehen. – Nein, es gibt verdammt viele Kräfte, die S21 als Symbolbau betrachten, – allein 48 Milliarden sollen demnächst bei weiteren Großprojekten investiert werden, laut Merkel. Da die Politikerinnen zurzeit „noch nicht“ den Mut und auch nicht den Willen haben, diese Kräfte zu bändigen, müssen wir Menschen dies tun.

Heute Mittag war Arbeitseinteilung, d.h. alle Neuzugänge – ca. 15 Menschen in den letzten vier Tagen – hatten ein Gespräch mit vier Häuptlingen der Haftanstalt, die entschieden, in welches der Häuser verlegt wird und welche Arbeit er bekommt. Danach werde ich wahrscheinlich morgen umziehen in das Haus fünf – ein älteres Haus – aufgrund der kurzen Aufenthaltszeit lohnt es sich nicht, dass ich in eine Arbeitsstelle eingelernt werde.

Ich habe heute Abend zum ersten Mal so richtig Ruhe im Zimmer, da mein „Mitbewohner“ heute Morgen schon in ein anderes Haus verlegt wurde. Das Buch von Guntrun Müller-Enßlin ist auch für mich sehr interessant, da Sie die einzelne Erfahrung und Wahrnehmung seit dem Beginn der ersten Demos schildert und ich das nochmals miterleben darf. Besonders die Beschreibung der Nordflügelbesetzung, weshalb ich ja auch hier bin, war sehr informativ, da ich im Gebäude war und sie das von außen erlebt hatte – und sie sich mit anderen aktiv in der Blockade mit integriert hatte.

Bitte schickt mir ein paar Briefmarken (0,58 €), da ich die Briefe gerne beantworten möchte und keine Briefmarken kaufen kann. – Drei Briefmarken pro Brief sind erlaubt –

Macht’s gut – gemeinsam schaffen wir es
Gruß Karl

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Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

3 responses to “Karls Haft-Tagebuch – Teil 2

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