Serie Archiv-einund20.1: 10 Tage Haft für die Überzeugung

Erstveröffentlichung von „10 Tage Haft für die Überzeugung“ in der einund20 vom Juni 2012

Als erster S21-Projektgegner trat Mark Pollmann Ende Mai eine zehntägige Ersatzfreiheitsstrafe an. Um gegen den Abriss des Nordflügels des denkmalgeschützten Stuttgarter Hauptbahnhofs zu demonstrieren, hatte er diesen vor zwei Jahren mit 54 anderen Aktivisten besetzt und war dafür zu einer Strafe von 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er weder die Strafe bezahlen, noch Arbeitsstunden leisten wollte, musste er ins Gefängnis.

Wenn er sich die Frage stelle, ob er alles friedliche in seiner Macht stehende getan habe, das in seinen Augen unverantwortliche Projekt Stuttgart 21 zu verhindern, dann möchte er immer sagen können “Ja, ich habe es“, erzählt Mark Pollmann noch am Morgen vor seinem Haftantritt auf dem Weg zur Justizvollzugsanstalt in Rottenburg am Neckar. Es ist kurz vor halb elf am Freitag, den 25. Mai und Mark Pollmann steht umringt von einem Dutzend Unterstützern und mehreren Reportern auf dem Rottenburger Marktplatz. Vor einem Jahr und 10 Monaten hatte er mit 54 weiteren Aktivisten den leer stehenden und zum Abriss freigegebenen Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs besetzt, bis die Polizei sie wieder aus dem Gebäude geleitete: Hausfriedensbruch. Einen Monat später beginnt der Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus. Bis heute wurde die freigewordene Fläche nur zur Lagerung von Baumaterial genutzt – und zur Aufstellung eines großen Werbebanners für Stuttgart 21.

Statt für 10 Tage ins Gefängnis zu gehen, hätte Mark Pollmann eine Geldstrafe in der Höhe von ca. 800 Euro zahlen oder Sozialstunden leisten können. Doch er wollte sich weder durch Geld, noch durch Arbeitsstunden freikaufen. Das hatte Mark Pollmann schon bei seiner Gerichtsverhandlung am 23. Februar 2011 erklärt. Er ist der erste Stuttgart 21-Gegner, der eine Ersatzfreiheitsstrafe antritt. Die anderen vier Projektgegner, die in einem Sammelprozess mit ihm zu 10 Tagessätzen verurteilt wurden, haben die Strafe bezahlt. Bei späteren Verfahren weiterer Nordflügelbesetzer wurde die Anklage gegen Auflagen eingestellt.

Um kurz vor 11 Uhr schließt sich das Tor der Rottenburger JVA hinter Mark Pollmann. Erst Sonntagfrüh, zehn Tage später, soll er wieder entlassen werden. Während seines Gefängnisaufenthalts führt Mark Pollmann Tagebuch, das im Internet veröffentlicht werden soll. Und schon nach wenigen Tagen erreicht uns sein erster Brief aus dem Gefängnis. So erfahren wir, dass ihm an seinem ersten Tag in Haft mitgeteilt wird, er könne das Gefängnis bereits nach fünf Tagen verlassen. Und, wie er mit seiner Ablehnung der vorzeitigen Haftentlassung eine Diskussion zwischen den Beamten über Sinn und Unsinn von Verfahren gegen Stuttgart 21-Gegner auslöst. Ein Wärter sagte ihm ganz direkt, dass er nicht ins Gefängnis gehöre, berichtet Mark Pollmann gleich in seinem ersten Brief.

Er hatte Glück mit seinem Zimmernachbarn, wie er seinen Mithäftling, mit dem er sich die Zelle teilt, bezeichnet. Beide bemühen sich, die Zelle tatsächlich zu ihrem Zimmer zu machen, putzen täglich den Boden mit Duschgel und Handtüchern. Mit dem zeitlich begrenzten Freiheitsentzug kann sich Mark Pollmann gut arrangieren, ist seinem Hafttagebuch auch zu entnehmen. Einzig die Tücken der Bürokratie machen ihm zu schaffen. Es sei sehr schwierig, an Tabak zu kommen, selbst wenn man eigenes Geld mitgebracht habe, schreibt er. Für alles Mögliche gilt es ein Formular auszufüllen. Das tut Mark Pollmann jedoch nur einmal, als er einen Karton beantragt, damit er seine Solidaritätspost am Ende der Haft aus dem Gefängnis transportieren kann. Etwa sieben- bis achthundert Briefe, Postkarten und Päckchen haben ihn während seiner Haft erreicht. Wie auf einer Sänfte getragen, habe er sich durch diesen unerwarteten Zuspruch gefühlt und er würde alles so wieder machen, sagt er direkt direkt nach Verlassen der Haftanstalt.

Julia von Staden ist Soziologin aus Stuttgart und arbeitet als freie Journalistin. Gemeinsam mit dem Stuttgarter Fotografen Jens Volle hat sie exklusiv das Hafttagebuch von Mark Pollmann in ihrem Blog NAU! veröffentlicht.

Über die Serie Archiv-einund20: Die einund20 gibt es nicht mehr. Die Webseite der Zeitung ist nicht mehr online und die dort veröffentlichten Artikel sind nicht mehr zugänglich. Deshalb werde ich in den nächsten Tage sämtliche Artikel, die ich für die einund20 geschrieben habe hier im Blog veröffentlichen.

Advertisements

Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: