Post aus dem Knast – Teil 10

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Aus der Haft hat uns Mark Pollmann sechs Hafttagebucheinträge zugeschickt mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir abgetippt haben. Seit Sonntag ist Mark entlassen und hat begonnen, seine restlichen Hafttagebucheinträge selbst abzutippen, damit wir sie veröffentlichen können. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern. Teil 10 ist Mark Pollmanns letzter Hafttagebucheintrag.

Sonntag, 3. Juni 2012 – Tag 10 – Ende der Ersatzfreiheitstrafe

Ich schreibe dies und bin längst draußen. Es ist sozusagen aus der Perspektive von draußen die Innenperspektive aus der Erinnerung einnehmend. Das ist ein Unterschied.

Ich erwache, als es hell wird, draußen zeigt sich im östlichen Winkel des Fensters auf Höhe des „Schwäbische Alb-Ausschnitts“ mit Rammert-Höhenzug im Vordergrund die Helle der aufsteigenden aufgehenden Sonne – kontrastiert mit den aus Südwesten vorrückenden dunklen Wolken, die später hoffentlich den von mir ersehnten Regen bringen würden. Ich mag keine längeren Trockenperioden und möchte niemals in einem trockenen Land leben, wo alles ausgedorrt und braun ist. Keine Saat geht auf, wo das Wasser fehlt.

Ich bummle einpackend den Morgen vor mich hin, als um 7:10 Uhr die Zellentür geöffnet wird und zwei Beamten in Begleitung eines Polizisten mich abholen wollen zur Entlassung mit den Worten: „ Herr Pollmann, ihr Urlaub hier bei uns ist vorbei!“. Bin noch im Schlafanzug, ungewaschen, zu Ende gepackt habe ich auch noch nicht und sage, es hieß, ich würde um viertel vor acht abgeholt, ich sei noch nicht soweit. Lachend fragte ich, ob sie es denn so eilig hätten, mich endlich zu entlassen. Darauf ein Beamter: es sei doch bereits viertel acht. Ups – bin also auf die Tücken des Schwäbischen hereingefallen, was normalerweise nur selten vorkommt – nicht viertelvor acht, sondern viertel nach sieben war also gemeint.

Ich wusch mich, zog mich an, verstaute den Rest und war kurz nach halb acht soweit, um in Begleitung eines Polizisten zu gehen. Nach der ganzen Prozedur beim Reingehen letzte Woche Freitag war das Rausgehen ratzfatz erledigt, umpacken, meine Sachen in Empfang nehmen, umziehen, an der Pforte meine Ausweise, Kleingeld und die Dinge, die man aus den Briefcouverts herausgenommen hatte, in Empfang nehmen, weil sie nicht reindurften. Ich zog meinen kleinen Rucksack an, trug meine Post-Umzugskiste rüber und so öffnete sich bereits wenige Minuten später das Rolltor in die Freiheit.

Da es erst zwanzig vor acht war, erwartete ich so früh noch niemanden zu sehen in Rottenburg an diesem von schweren Regenwolken verhangenen Sonntagmorgen. Doch mein Blick fiel auf die mir beim Reinkommen vor zehn Tagen schon vertraute Reporterin der Stuttgarter Zeitung neben ihrem Fotografen, deren Name ich jeweils vergessen hatte. Sie hatten es also immer noch nicht aufgegeben, einen Artikel über mich und meine Haft zu machen. Ich wusste da schon vom Gespür her, dass es ein Artikel über mich und meine Haft werden würde – also mehr personen- als sachbezogen und stellte mir auf den 10 oder 15 Metern Weg zu den beiden bereits das „Gegreine“ in den Online-Leserkommentaren bildlich vor – diese neuen Umgangsformrituale, gekauft oder aus freien Stücken, in diesen neuen Zeiten des Spaltpilzes als alternative Stuttgarter Varianten des Fortschritts zum württembergischen Liberalismus und Sommermärchen 2006).
Als wir noch in der Begrüßungsphase waren, tauchten S. und T. auf vom Parkplatz her. Freude! In der anschließenden Zeit gab es viel zu bereden, der StZ-Fotograf brauchte noch ein Bild von mir, wie ich vom (inzwischen ja lange geschlossenen Rolltür) rauskomme, gestellt hin oder her. Wir liefen anschließend gemeinsam zum Auto, wo uns Kaffee erwartete mit der Option auf Sekt (letzteres geht bei mir gar nicht tagsüber, mit kleinem Magen durch abgewandeltes Heilfasten gleich dreimal nicht – die Flasche blieb verschlossen). In der Zwischenzeit, es war etwa acht, kamen auch J. und J an. B. eröffnete mir, dass sie sich Freitagabend entschieden haben, ohne Presse und Ankündigung ein ganz privates Willkommensfrühstück in Stuttgart und woanders in Cannstatt später ein Spargel-Nachmittagsessen zu machen, um mich nicht so zu überfallen. Yeah, babycakes, so habe ich es mir erhofft – Danke für das richtige Gespür!

Nach einer Weile verließ uns der StZ-Fotograph, während wir miteinander über alles plauderten. Die StZ-Reporterin stellte mir nur ab und zu mal eine Interviewfrage und benutzte stattdessen auch das in verschiedenen Sozialwissenschaften für empirische Studien übliche Mittel der „teilnehmenden Beobachtung“, um noch Restmaterial für ihren Artikel zu bekommen. Später sollte ich während des nachmittäglichen Spargelessens vom zeitgleichen Hinweis auf selbiges bei Freischaltung des StZ-Onlineartikels erfahren – irgendwie krass! Ziviler Ungehorsam ist anstrengend. Manchmal auf eine ganz andere Art, als ich ursprünglich erwartet hätte.

Es war locker, ungezwungen und entspannt für mich. Ein sanfter Übergang zwischen den Welten, die die Stacheldrahtmauern so hermetisch und folgenschwer voneinander abtrennt – viel mehr, als ich mir vorgestellt hatte.

Nach einer knappen Stunde verließ uns die StZ-Reporterin, während wir uns draußen vor dem Auto auf dem Parkplatz noch weiter unterhielten. B. und T. waren auf dem Weg nach Rottenburg kurz vor sieben hinter dem Heslacher Tunnel in eine Polizeikontrolle geraten, vermutlich um letzte alkoholisierte Nachtschwärmer aufzugabeln. Auf die Frage, wohin sie fahren, antwortete B.: nach Rottenburg. Auf die Frage: Was machen Sie in Rottenburg? kam prompt: Jemanden aus dem Knast abholen. Verdutztes Gesicht vor der Seitenscheibe, Winken zum Weiterfahren.

Als die ersten schweren Regentropfen zu fallen begannen, bestiegen wir die Autos Richtung Stuttgartz. Beim Öffnen der Beifahrertür schaute ich auf den angebrachten Aufkleber an der Seitenscheibe und musste lachen. Zu Lesen war:

„Everything is fine! Keep shopping!“

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Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

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