Post aus dem Knast – Teil 9

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Aus der Haft hat uns Mark Pollmann sechs Hafttagebucheinträge zugeschickt mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir abgetippt haben. Seit Sonntag ist Mark entlassen und hat begonnen, seine restlichen Hafttagebucheinträge selbst abzutippen, damit wir sie veröffentlichen können. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Samstag, den 02.06.2012 – Tag 9

Es ist inzwischen Abend geworden an diesem vorletzten, doch eigentlich letzten Tag meiner Ersatzfreiheitsstrafe im Knast. Ich werde morgen schon um viertel vor acht morgens zur Entlassung aus der Haft abgeholt. Einer Haft, die ich eigenverantwortlich und ganz für mich als Option bereits vor eineinhalb Jahren gewählt habe, weil ich die mir zugewiesene Rolle von der Staatsanwaltschaft ablehne, mich für meinen Protest gegen den staatlich legitimierten Vandalismus in Stuttgart zum gefährlichen steuerfinanzierten Rückbau der Schiene durch Geldzahlung frei zu kaufen.

Ich sage Staatsanwaltschaft, weil nach meiner Wahrnehmung dem damaligen Richter Fritz (er ist wenige Wochen danach in vorzeitigen Ruhestand gegangen) an diesem 17. Februar 2011 beim Prozess vermutlich lieber gewesen wäre, eine Einstellung des Verfahrens zu bewirken. Mehrmals fragte er den Vertreter der DB AG, ob dieser die Anzeige nicht zurückziehen wolle, was abgelehnt wurde. Nach meinem Eindruck wählte er ein kleines Urteil, was ich letztes Jahr als „salomonisch“ bezeichnete, weil ein Freispruch sicherlich die Revision beantragt durch OStA Häußler zur Folge gehabt hätte. Unmittelbar nach Urteilsverkündung gab Häußler in Interviews bekannt, ihm sei die Höhe des Urteils zweitrangig, wichtig sei ihm, dass ein Urteil im Sinne von schuldig nach 123 StGB Hausfriedensbruch gefallen sei. Das spiegelt nach meiner Einschätzung die politische Dimension in der Justitia wieder. Wenn man sich die Historie von OStA Häussler in diesem schmutzigen „Vabanque“-Spiel anschaut – von Verschleppung von Prozessen gegen NS-Mörder in Italien bis hin zu seiner aktiven Teilnahme am Schwarzen Donnerstag vom Vormittag an im Park, während Polizeipräsident Stumpf gleichzeitig als eigentlich Verantwortlicher für den Einsatz nicht einmal per Handy erreichbar war – na ja. Brückenkopf halt, damit es geschmeidig läuft. Justizminimister Stickelberger hält an ihm fest.

Die massiven Vergehen in Zusammenhang mit den Akteuren von Stuttgart 21 werden so oft so gezielt verschleppt oder eingestellt. Verschleppung, Einstellung der Anzeigen gegen Polizisten und Wasserwerfer, gezielte Umkehrung des Täter-Opfer-Prinzips vor Gericht und im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, die Rolle von Mappus in diesem unwürdigen Spiel, Aufklärung der Hintergründe und Ereignisse rund um den Schwarzen Donnerstag, um nur das gravierendste von vielen Ereignissen in dieser Stadt rund um S 21 zu nennen, ist nur der Gipfel der Schande.

Justiz zum Schutz der Akteure wirtschaftspolitischer Korruption? Und in diesem schmutzigen Spiel soll ich die mir zugewiesene Rolle aktiv mitspielen? Ganz sicher: Nein! Ich will mir kein Magengeschwür zulegen. Lieber fresse ich sieben schmutzige Besen quer. Nein: nicht in 1000 kalten Wintern!

Alles rund um S 21: Viele tausend Menschen wurden seit dem Sommer 2010 mit dem Gipfel am Schwarzen Donnerstag Zeuge oder Opfer der Ereignisse – eine Nichtaufarbeitung, gesellschaftlich, politisch und rechtlich, als schwere Hypothek für Gegenwart und Zukunft dieser Stadt. Sie prägt Gedächtnis und Verhalten, ob man das nun leugnet oder nicht. Selbst meterhohe Scheuklappen werden daran nichts ändern. Die Überwindung der Spaltung, Leserkommentare zu S 21 Themen dabei nur ein Indiz in den Printmedien, kaum vorstellbar, denn unter der Oberfläche gärt es munter weiter und bindet so viele wertvolle Energieressourcen, die dieser Stadt nun fehlen, einer Stadt, die nicht mehr meine ist und vermutlich auch nicht mehr meine sein wird, unabhängig davon, ob ich hier bleibe oder nicht. Was ich in Stuttgart im Zeichen eines vorgegaukelten Fortschritts sehe und erlebe, gefällt mir ganz und gar nicht. Das Mensch- und Bürgersein abgelöst durch Zerstörung und Entwurzelung im neue Ideal des ewigen Konsumenten. Mit mir sicherlich nicht.

Spaltpilz – ein Dokumentarfilm, der im Sommer 2010 einmal im damaligen und nun zu einem ratten- und müllumwaberten neuen Platz der Schande (einer von einigen) verkommenen Areals des Mittleren Schlossgarten auf Leinwand gezeigt wurde (ich weiß nicht, wer der Autor oder Regisseur ist), beschreibt viele Jahre danach die Entwicklungen rund um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und die Art und Weise, wie politische Akteure (damals maßgeblich verantwortlich: MP F.-J. Strauß) Bevölkerungsteile gegeneinander aufhetzten, was zu tiefen Rissen im sozialen, privaten und beruflichen Miteinander führte, die viele Jahre fortbestehen und teils bis in die Gegenwart nicht überwunden wurden. Parallelen zu Stuttgart sicherlich nicht zufällig.

Auch wenn unser letztes Jahr neu gewählter MP Kretschmann samt Akteuren lieber Ruhe hätte bei S 21 – sowohl auf Projektebene als auch bei der historischen Aufarbeitung. Ich vermute: mit der Rolle als guter Verlierer bei der VA lässt sich insbesondere außerhalb Stuttgarts im wertkonservativen Wählerlager punkten und gleichzeitig Ruhe in die Koalition bringen. Das Verstecken hinter dem VA-Ergebnis ist nach meiner Einschätzung erheblich zu kurz gedacht. Er und seine Regierungsvertreter wurden gewählt, um gemäß Amtseid Schaden von Stadt und Land abzuwenden. Das Verhalten bei S 21 zeugt nach meiner Einschätzung vom Gegenteil. Doch das liegt nicht in meiner Verantwortung.

Ich habe den Eindruck, die Vorlage Gandhis müsste um eine vierte Stufe im Zeichen der Korruption erweitert werden. Erst ignorieren sie dich, dann diffamieren sie dich, dann kriminalisieren sie dich, „und neu: dann bürger(schein-)beteiligen sie dich (wo alles von vornherein feststeht und es nichts zu beteiligen gibt, da das Fell des Bären im Rahmen der gigantischen Umverteilung von unten nach oben längst verteilt ist, koste es, was es wolle, und koste es Menschenleben), und dann, so Gandhi weiter, hast du gewonnen. Zu gewinnen gibt es derzeit bei S 21 für die allermeisten wenig. Wer sich der Wahrheit verweigert, wird im Irrtum lernen. Stuttgart hat sich mit S 21 für den Weg des Irrtums entschieden – schauen wir mal, für wie lange.

Letzter Abend: Zeit, eine Bilanz zu ziehen? Zu früh. Die Zeit ist schneller vergangen, als mir lieb ist. Viele Gedanken, die ich noch zu Ende denken wollte, Dinge die ich noch lesen und über die ich schreiben wollte, auch über diese so eigene, so abgeschlossene und fremde Welt hier drinnen, die ich – aufgrund anderer Rahmenbedingungen als für die meisten anderen Insassen hier als „Fremder“ erlebt, blieben unerledigt, zusätzlich gewünschte Begegnungen fanden nicht statt. Zeit vergeht schneller als mein Tempo im Biorhythmus.

Heute Morgen habe ich mir überlegt, wie ich die ganzen Poststapel, die mein Zimmer hier dekorieren und auf so einzigartige Art „anders“ machen als die anderen Zellen meiner Mithäftlinge, hier heraus kriege. Habe dann den schriftlichen Antrag auf einen Karton gestellt. Dabei kurz darüber nachgedacht, einen schriftlichen Antrag auf drei Tage Verlängerung der Ersatzfreiheitstrafe zu stellen – nach meiner Einschätzung wären drei Tage für mich in meinem Tempo ausreichend, um das für mich hier „runder“ zu machen, den Kreis für mich zu schließen statt ihn abzubrechen. Dann wurde mir bewusst, wie absurd ein solcher Antrag für Außenstehende wirken muss. Ich habe gelacht und es dann doch sein lassen.

Der Karton kam eine Stunde später, ich habe ihn bereits eingeräumt. Heute kamen an diesem letzten Tag immer noch über 60 neue Postkarten, Briefe usw. Nach Angaben eines Beamten, den ich fragte, muss ich die Post nicht irgendwann in der JVA Rottenburg selbst abholen, wenn nächste Woche noch etwas kommen sollte, sondern sie wird mir zugesandt. Wohin, fragte er scherzhaft, Baum 21 im Park? Ich musste lachen.

Beim heutigen Hofgang waren wieder zwei neue da. Sie waren mir sympathisch. Wir haben auch Tischtennis miteinander gespielt und uns in der Gruppe unterhalten. Natürlich erzähle ich auch hier, weshalb ich „drin“ bin, wie die anderen halt auch. In meinem Fall – Begehung des und Protest im ehemaligen Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs. 10 Tagessätze, Wahl der Ersatzfreiheitsstrafe. Doch bin ich sparsam mit Infos, vor allem bei der ersten Begegnung. Ich möchte niemanden verletzen – und es steht mir nicht zu, mir hier ein moralisches Urteil über andere und ihre Gründe zu machen. Zum einen spüre ich bei einigen: es sind oft tragische Entwicklungen, die dazu führen. Das mag vieles nicht entschuldigen, und doch kann ich es wahrnehmen und berücksichtigen für mich. Hinzu kommt auch eine wirtschaftspolitische Komponente: Deutschland protzt in Europa mit seinen angeblich guten Wirtschaftsdaten und niedriger Arbeitslosigkeit.

Doch bei aller statistischer Beschönigung: breite Bevölkerungsteile sind seit 10-15 Jahren massiven Einkommenskürzungen ausgesetzt, der Faktor Arbeit zählt als Einkommensquelle immer weniger, die Schere zwischen arm und reich wird spürbar größer. Die Armen immer mehr und ärmer, in immer prekärer werdenden Arbeitsverhältnissen, die eine individuelle Lebensplanung behindert oder verunmöglicht, die Reichen immer reicher. In vielen Wirtschaftszweigen ist Deutschland zum klassischen Billiglohnland verkommen mit allen daraus sich ergebenden Marginalisierungsprozessen breiterer Bevölkerungsgruppen, Konflikte und Mangel an kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe inbegriffen. Ein parasitäres System: das Überfressen einiger weniger mit maßloser Gier auf Kosten der Allgemeinheit. Stuttgart 21 ist dabei nur ein kleinerer Teil davon, denn auch an diesem angeblichen Bahnprojekt ist Gier die antreibende Energie. Die damit einhergehenden Spannungen finden auch hier drin ihren Niederschlag. Es sind Schicksale. Und ein Leben müssen hier, so abgeschnitten von der Außenwelt, so abhängig auch von Kontakten von Außen, so isoliert – ein unendlich hartes Los.

Darüber wollte ich immer wieder mal mit dem Seelsorger sprechen – doch dachte ich mir, ich „blockiere“ dann einen Termin für einen Insassen, der es nötig hat und wirklich braucht. Deshalb habe ich es sein lassen.

Manchmal habe ich den Eindruck, das, was Deutschland an Niedergang in wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit einschließlich damit verbundenen Verteilungskämpfen erlebt, macht meine andere Heimat Brasilien seit Mitte der 90er Jahre in umgekehrter Weise ein Stück weit langsam aber bei allen Widerstanden insbesondere der Landoligarchien an Boden gut. Nach über zwanzig Jahren Militärdiktatur bis Mitte der achtziger Jahre und einer Phase von korrupten Regierungen wurde 1995 der auf internationaler Ebene hoch angesehene Soziologe Fernando Henrique Cardoso (FHC) zum Präsidenten gewählt – in seine Amtszeit konnte mit dem Plano Real die Hyperinflation durch Währungsstabilität beendet werden, vor der sich insbesondere die dutzende Millionen Armen mit dem Wenigen, was sie monetär hatten, nicht schützen konnten – ihr mickriger Monatslohn wurde täglich durch Geldentwertung in ihren Händen zu nichts und vergrößerte ihr Elend. Nach zwei Amtsperioden wurde der „Schrecken der Konservativen“ Lula Ignácio da Silva (kurz: Lula) für zwei Amtsperioden zum Präsidenten gewählt. In Zeiten der Militärdiktatur stand er als ungebildeter Metallarbeiter aus Sao Paulo und Gewerkschaftlicher an der Spitze der Arbeiterbewegung und war zahlreichen Repressionen ausgesetzt, dabei auch immer wieder im Gefängnis. Bei aller Oligarchien zählt es zu den Errungenschaften seiner Amtszeit, dass vielen Millionen Brasilianern durch zahlreiche Sozialprogramme der Weg aus dem Elend in die Mittelschicht geebnet wurde – damit in die wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe. Warum ich das Schreibe? Weil hier der umgekehrte Weg stattfindet: immer mehr Menschen driften von der Mittelschicht in die Unterschicht ab. Nach zwei Amtsführungen wurde Lula vor ein oder zwei Jahren durch seine Nachfolgerin Dilma Rousseleff als neue brasilianische Staatspräsidentin abgelöst. Sie, als frühere Repräsentantin der linken städtischen intellektuellen Elite Sao Paulos, war zu Zeiten der Militärdiktatur Widerstandskämpferin, unterstützte phasenweise gar den bewaffneten Widerstand, saß viel im Gefängnis und wurde dort auch gefoltert.

Es wird dunkel, um weiter zu schreiben brauche ich Licht. Die Neonröhre im Zimmer / Zelle habe ich abends praktisch nicht angemacht, wo die Tage so lang sind. Auch nicht in meiner Zeit mit meinem Zimmernachbar, da lief der Fernseher und brachte genug Licht. Ich mag keine Neonröhrenbeleuchtung. Wenn es dunkel wurde, bin ich hier bisher immer schlafen gegangen. Doch obwohl schon wieder seitenweises Papier gefüllt, treibt es mich an diesem letzten Abend hier weiter zum Schreiben und ich habe gerade das Licht eingeschaltet. Ich muss versuchen, meine Gedanken in einen Ausdruck zu bringen, sonst kann ich hier morgen nicht gut raus. Und eine Sitzblockade gegen die Räumung meiner Zelle morgen früh will ich mir und den Beamten morgen früh nicht zumuten.

Mir ist heute eingefallen: als mein „anwaltlicher Besuch“ gestern da war, haben wir über alles Mögliche gesprochen, doch nicht über das wie meiner Entlassung, außer dass ich weiß, von wem ich abgeholt werde. Aus der Post gestern und heute kamen Anfragen, wie es gestaltet werden soll. Demo? Presse? Wieder so einen „Auflauf“ wie beim Reingehen? Ich möchte es eigentlich nicht – ich bin jetzt seit neun Tagen in einer reizarmen Umgebung und dieses wieder so „öffentlich“ sein wäre ein krasser Gegensatz. Lieber hätte ich den kleinen privaten Rahmen. Schauen wir mal.

Die Wände hier im Zimmer sind nicht vollgekritzelt, wie ich es mir eigentlich vorgestellt habe. Es ist nirgends etwas auf die Wände gekritzelt. Stattdessen ist hier schräg über dem in die Wand verankerten Holztisch an der Wand eine etwa 1 x 0,5 m große Holzplatte angefertigt, auf der sich mit Kugelschreiber oder Stiften viele ehemalige Häftlinge „verewigt“ haben – mit Sprüchen, Zeichnungen, Anmerkungen, mal mehr, mal weniger gelungen. Auch ich habe kurz etwas mit Kugelschreiber auf Holz geschrieben am frühen Abend, konnte mich dann doch nicht beherrschen, es sein zu lassen – wer es wissen will, möge Haus 08 Zelle 05 besuchen ;-). Diese Holzprojektionsfläche lässt die Hoffnungen, Frustrationen, Sehnsüchte, Niederlagen der Vorinsassen während meiner Zeit hier immer wieder auf mich wirken. Neben Wut und Verzweiflung assoziere ich beim Betrachten der Tafel immer wieder „saudade“, diese lusitanische Form der melancholischen Sehnsucht, für die es im Deutschen keine Entsprechung gibt, gepaart mit dem Schrei nach etwas „calor humano“, menschlicher Wärme – so rar an diesem Ort dieser abgeschlossenen Welt hier, und so notwendig, dass der Mensch nicht verkümmert. In manchen „Verewigungen“ wird bei mir eine Spur von „bonzo“ assoziiert. Diese „Krankheit“ ist noch heftiger als die brasilianische „saudade“ – sie bezeichnet als Wort afrikanischen Ursprungs eine oft tödlich verlaufende tiefe Melancholie, die im Zeitalter der Sklaverei auf den Zuckerrohrplantagen Nordost- und Ostbrasiliens im 17.-19 Jahrhundert aus Afrika von den Portugiesen verschleppte Afrikaner u.a. aus den Gebieten des heutigen Angola und Mocambique häufig heimsuchte, insbesondere wenn dabei die Familien getrennt wurden. Viele Sklaven in dieser Zeit sind in Brasilien an „bonzo“ einfach gestorben.

Wie gehen die Insassen hier, insbesondere wenn sie auf Dauer bleiben, mit dem Herausgerissen Sein aus ihrem Familiären Umfeld um? Welche Strategien entwickeln sie, um dem in dieser an menschliche Wärme so kargen Welt zu begegnen? Welche Strategien entwickeln Seelsorger, um dem zu begegnen? Ich hätte es gerne gefragt, weil ich es mir nicht vorstellen kann. Meine Bedingungen sind so anders. Ich werde hier „getragen“ von einer Welle menschlicher Wärme, die mich so wunderbar nährt. Doch ich bin die Ausnahme hier. Ich habe meinen übrigen Tabak verschenkt, den ich nun nicht mehr brauche. Doch wie sollte ich diese Welle an Wärme verschenken oder mit den Leuten hier teilen können, diesen Überfluss, der mir in diese Zelle geschenkt wurde?

Beim Rauchen grad aus dem vergitterten Fenster raus ist mir der riesige Vollmond aufgefallen, der umrahmt von locker ziehenden Wolken in Konkurrenz zum Flutlicht draußen schräg ins Fenster scheint. Zum Rauchen habe ich das grelle Neonlicht im Zimmer ausgeschaltet – es blendet. Ist schon Vollmond? Es wirkt so.

Nun ist genug. Ich werde jetzt schlafen und denke morgen hier gut gehen zu können.
Mark

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Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

7 responses to “Post aus dem Knast – Teil 9

  • ubeudgen

    Reblogged this on Ubeudgen’s Blog and commented:
    Hmmm … ich habe zwar nicht den ersten Beitrag gelesen, aber diesen hier möchte ich doch teilen … 🙂

  • 10 Tage Haft und kein Ende? | SchaeferWeltWeit.de

    […] Hier also die Berichte – mit einem Dank auch an “BlogNAU” die diese Texte aus Briefen von Mark abgeschrieben haben! Teil 1 – Teil 2 – Teil 3 – Teil 4 – Teil 5 – Teil 6 – Teil 7 – Teil 8 – Teil 9 […]

  • Gefängnistagebuch | SchaeferWeltWeit.de

    […] Hier also die Berichte – mit einem Dank auch an “BlogNAU” die diese Texte aus Briefen von Mark abgeschrieben haben! Teil 1 – Teil 2 – Teil 3 – Teil 4 – Teil 5 – Teil 6 – Teil 7 – Teil 8 – Teil 9 […]

  • isabellarossa

    Danke…an Julia und Jens…das ihr es in eurem Blog veröffentlicht habt :-)…und vielen Dank an Mark…meinen vollen Respekt !…

  • Wilfried Hüfler

    Es wiederholt sich, nach 35 Jahren: Marc Pollmann erwähnt in seinen denkwürdigen, praktisch „druckreifen“ Aufzeichnungen aus dem Gefängnis in Folge 9 denjenigen, der offensichtlich eine der Wurzeln seiner bewundernswerten innerer Kraft ist: Mahatma Gandhi. Mark fügt der „Vorlage Gandhis“, die den Umgang der Herrschenden mit den damaligen Kämpfern der gewaltfreien Aktion mit den drei Stufen Ignorieren, Diffamieren und Kriminalisieren beschreibt, eine neue vierte Stufe hinzu: die der (scheinbar) großzügigen, wohlwollenden Beteiligung des Bürgers, da man ja seit 1969 mit Willy Brandt „mehr Demokratie wagen“ muss.
    Es darf daran erinnert werden, dass wir diese Methode kennen: vor 37 Jahren eröffnete auf dem Hintergrund der dramatischen Auseinandersetzung um den Ausbau der Atomenergie der damalige Bundesforschungsminister Hans Matthöfer den „Bürgerdialog Kernenergie“: DEer Tübinger Umweltaktivist und Gandhi-Anhänger Hartmut Gründler, über den der SWR 2 am 30. Mai ein einstündiges Radiofeature sendete, hatte durch seinen Hungerstreik auf dem besetzten Bauplatz in Wyhl im Juli 1975 zunächst – gemäß Matthöfers großspuriger Ankündigung eines „vertrauensvollen Dialogs“ mit dem „mündigen Bürger“ – zunächst eine Wanderausstellung zur „Wahrheit in die Atomenergiepolitik“ erzwingen wollen und glaubte dann schließlich, sich mit dem zugestandenen Bürgerdialog (in 12 Seminaren) begnügen zu dürfen, bis sich tatsächlich die Skepsis seiner Mitstreiter bestätigte durch das mit einem weiteren Hungerstreik erzwungene offizielle Eingeständnis der „Zwei-Schienen-Theorie“: kurz-und mittelfristig die (politische unverbindliche) Anhörung „des Bürgers“, langfristig die Durchsetzung von Kanzler Schmidts Atomenergiepolitik. Die Marschroute der regierungsamtlichen Täuschung zeigte sich nochmals in dem scheinbaren Zugeständnis des Bundeskanzleramtes während Gründlers unbefristetem (!) Hungerstreik vor Schmidts vorweihnachtlicher Regierungserklärung 1976, der Kanzler werde auf Gründlers klare Fragen besonders zur Endlagerung befriedigend eingehen, was dieser aber zu Gründlers folgenschwerer Enttäuschung nicht tat. Diese infame Täuschung, die zunächst Gründlers Leben rettete, durfte sich nach Auffassung Gründlers nicht wiederholen, und so kam es während des SPD Energieparteitages in Hamburg ein Jahr später zu dem dann leider folgenlosen Signal der Selbstverbrennung dieses Kämpfers für Wahrhaftigkeit in der Politik.
    Es lohnt sich, die Parallelen zu verfolgen, die zwischen dem damaligen Geschehen und der ganzen Geschichte von Stuttgart 21 – seit Mitte der neunziger Jahre (mit der Ablehnung einer plebiszitfreundlichen Änderung der Landesverfassung) bis hin zu Geißlers Schlichtung, zum Stresstest, zur Volksabstimmung und jetzt zum Filder-Schein-Dialog – offenkundig bestehen.

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