Post aus dem Knast – Teil 8

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Aus der Haft hat uns Mark Pollmann sechs Hafttagebucheinträge zugeschickt mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir abgetippt haben. Seit Sonntag ist Mark entlassen und hat begonnen, seine restlichen Hafttagebucheinträge selbst abzutippen. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Freitag, 01. Juni 2012, Tag 8

Heute Morgen hatte ich eine Stunde anwaltlichen Besuch. Es ist der einzige Besuch, der in dieser kurzen Zeit machbar war. Vor Haftantritt empfahl man mir, einen Anwalt zu mandatieren, der außerhalb der geltenden streng limitierten Besuchszeiten für Häftlinge Besuche abstatten kann. Von einem Häftling erfuhr ich, er hätte drei Stunden Anrecht auf Besuch monatlich, streckbar auf dreimal einstündige Besuche im Monat. Vermutlich gibt es auch hier je nach Strafmaß unterschiedliche Regelungen, wie auch beim Vollzug, doch wissen tue ich es nicht.

So bekam ich auch Informationen „von draußen“ – zwar haben wir hier Fernsehen, jedoch keine Tageszeitungen. Die Stacheldrahtmauer trennt im wahrsten Sinne des Wortes zwei Welten und der Austausch ist sehr gering. Jeder Häftling hat Anrecht auf Tätigung eines Anrufs ab Haftantritt. Die Beantragung von weiteren Telefonaten über ein Telefonkonto ist ein bürokratischer Akt, der die Zeitdauer meines Aufenthaltes vermutlich überstiegen hätte – ich habe es von daher erst gar nicht in Angriff genommen.

Von ihm hatte ich also die neuesten Informationen von draußen, die ich noch nicht über die tägliche „Postwelle“ erfahren hatte. Zudem gab er mir den Kontextartikel über meinen Haftantritt zum Lesen. Später in der Post war auch der Artikel in der Südwestpresse von letztem Samstag angehängt.

Mit der Presse ist das ja immer so eine Sache: die Berichterstattung ablehnen bedeutet, dass die Botschaft nicht gesendet wird und folglich auch keine Empfänger hat. Wenn du einer Medienpräsens zustimmst, dann kannst du versuchen, so klar wie möglich dein Anliegen zum Ausdruck zu bringen – das ist sozusagen das Rohmaterial, was du lieferst – und hoffen, dass über dieses Anliegen und Hintergründe berichtet wird. Du kannst über die Art der Fragestellung oft bereits einen ersten Eindruck kriegen zum Focus des zu schreibenden Artikels: z.B. mehr personenbezogen oder mehr sachbezogen. Bei politischen Aktionen wie meiner wünsche ich mir natürlich sehr viel stärker den „sachbezogenen“ Fokus als den „personenbezogenen“. Doch das sowie viele andere Dinge liegen nicht in der Verantwortung und Kontrolle des Interviewten. Es hängt neben der Gesprächsatmosphäre von der Person des jeweiligen Journalisten / Journalistin selbst ab, seinem Background und seinem persönlichen Stil ebenso ab wie von Ausrichtung und Umfang, die in der Redaktionskonferenz für den potentiellen Artikel gewählt wird – und natürlich von der Ausrichtung des Blatts oder Senders insgesamt. Die Erfahrung, die ich in Zusammenhang mit Stuttgart 21 habe, ist, dass die projektinhaltliche Sachebene und Anliegen, die damit zu tun haben, medienmäßig fatalerweise „ausgelutscht“ sind, spätestens seit der Volksabstimmung, doch im Grunde bereits nach der sogenannten Schlichtung mit Schlichterspruch. Dem ja vierzehn Monate später auch von richterlicher Seite attestiert wurde, nicht rechtsbindend zu sein.

Nach dem Besuch folgte noch spätvormittags ein Gang in das Gebäude der Verwaltung – bürokratische Vorkehrungen für meine Entlassung übermorgen. Ich fragte den mich begleitenden Justizbeamten einiges zur Historie des Gebäudekomplexes (die Ursprünge des Ortes gehen nachweislich bis in die Römerzeit zurück) sowie über Alt- und Neubauten. Ich erfuhr dabei auch einiges über im Laufe der Zeit getätigte Neubauten, den Umbau des Heizwerks (auf den ich vom Fenster aus schaue) zur besseren Energieeffizienz und Kosteneinsparung auf Holzpallets. Und dass ein Teil der Lebensmittelversorgung vor Ort stattfindet: das Brot wird selbst gebacken, es gibt eine eigene Schlachterei und den angegliederten Biolandhof. Ich esse ja nicht viel hier, aber mir ist aufgefallen, dass die jeweiligen unterschiedlichen Brotsorten oft sehr gut schmecken, womit ich so nicht gerechnet hätte.

Ich sagte ihm auf dem Rückweg von der Verwaltung, dass ich bei Recherchen im Internet und auch von besorgten Bekannten immer mal wieder das Stichwort zur JVA „Rottenburg = Drogenburg“ vernommen hätte, dass das ein Punkt im Vorfeld gewesen sei, der mir Unbehagen bereitet hätte und wie er die Drogenproblematik hier vor Ort einschätze. Da er ganz offen und ungezwungen antwortete, denke ich, dass es kein Problem ist, seine Einschätzung hier auf Papier wiederzugeben, zumal das vermutlich immer auch ein Thema ist, auch gegenüber einer Öffentlichkeit. Er sagte mir, wie in den allermeisten Justizvollzugsanstalten seien Drogen ein Problem und Thema, dem bestmöglich versucht werde, zu begegnen. Das Gelände sei sehr groß – beispielsweise die Mauer könne nicht lückenlos bewacht werden. Zudem haben manche Menschen hier drin viel Zeit, um auf alles Mögliche zu kommen und Mittel und Wege zu finden. Wenn der Verdacht bestehe, dass sich diesbezüglich in einer Gruppe Verdachtsstrukturen aufbauen, werde versucht, die Gruppenmitglieder umzuverteilen, um dem rechtzeitig entgegen zu wirken. Auch kam es schon vor, dass beispielsweise zu entlassende Häftlinge, die mit diesbezüglichen Forderungen genötigt wurden und sich Beamten anvertrauten, unter Polizeischutz gestellt werden mussten. Von daher ist das Thema Drogen tatsächlich problematisch und man versucht dieses Problem so gut es geht einzugrenzen. Vor diesem Hintergrund erscheinen für mich einige „Rituale“ oder Regeln in einem erweiterten Licht(u.a. striktes Lebensmittelverbot von außen – z.B. wurde mir per Post im Umschlag mitgeschickte Schokolade mit Vermerk auf dem Postumschlag bis zu meiner Entlassung herausgenommen (ich heilfaste ja eh), oder auch die strengen Kontrollen beim Eintritt).

Es ist heute wieder unglaublich viel Post gekommen, es macht mich wieder sprachlos, inzwischen sind es sogar aus dem Ausland 6 Briefe und Postkarten aus Frankreich (drei unterschiedlich Absender und Orte, alle jedoch mit dem „Prioritaire“-Vermerk – Eilpost) sowie eine aus Österreich. Das macht mir die Zeit sehr kurzweilig – und Sonntagmorgen um acht soll ich bereits entlassen werden.

So, nun ist es kurz vor acht, ich will die Tagesschau sehen und danach in meinem Buch weiterlesen,

Mark

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Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

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