Post aus dem Knast – Teil 7

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Aus der Haft hat uns Mark Pollmann sechs Hafttagebucheinträge zugeschickt mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir abgetippt haben. Seit Sonntag ist Mark entlassen und hat begonnen, seine Hafttagebucheinträge selbst abzutippen. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Nachtrag noch zu gestern, Donnerstag  31.05.2012 – Tag 7
Beim Hofgang mit Tischtennisspielen (der Innenhof ist ca. 15 x 10 m, also recht klein) habe ich mit einem Mithäftling gesprochen, der seit zwei Tagen da ist und nun für einen offeneren Vollzug auf einen Bauernhof auf der schwäbischen Alb verlegt wird. Es gibt auf dem Gelände der JVA Rottenburg ganz unterschiedliche Arten des Vollzuges: in manchen Häusern (ich glaube 3 und 4) sind die Zellentüren tagsüber offen und die Häftlinge können sich frei bewegen in Teilbereichen des  Hauses, in anderen (ich glaube es sind Haus 1 und 2) wiederum nicht.
Auch bei uns im Haus 8 haben offensichtlich Gruppen von Häftlingen einen offeneren Vollzug – zumindest glaube ich das an den Geräuschen zu hören, insbesondere spätnachmittags und am frühen Abend. Zum Hofgang und zum Duschen werden immer Grüppchenweise mehrere Zellentüren geöffnet – dadurch sind wir beim Hofgang meist zwischen 3 und 7 Personen. Zum Duschen weniger, so dass ich die Dusche bisher immer für mich alleine hatte.
Ein anderer Mithäftling, der längere Zeit in Stammheim saß, berichtete uns von teilweise katastrophalen Verhältnissen dort, insbesondere wenn Häftlinge in den Zellen auf Drogenentzug kommen und randalieren oder aus welchen Gründen auch immer gewalttätig sind und dann Mithäftlinge in der Zelle und auch Justizbeamte bedrohen und  verletzen, wenn sie austicken. Deshalb müsse häufig die Polizei gerufen werden, die einrückt – denn Justizvollzugsbeamte sind unbewaffnet, zumindest habe ich hier drin noch nie eine Waffe gesehen – sehr angenehm nach knapp zwei Jahren Erfahrungen in unserer Stuttgarter Innenstadt, wo ich mir beim Beobachten und Erleben der unzähligen Polizeitruppenaufmärsche häufig  vorgekommen bin, wie ich es mir teilweise in Santiago de Chile unter Pinochet vorstellte – nur eben nicht das Militär, sondern Polizeitruppen in unterschiedlicher Montur. Vielleicht wurde deshalb die schöne Aussichtsplattform auf dem Haigst unweit der Zahnradbahnhaltestelle jüngst in „Santiago de Chile – Platz“ umgetauft, um dieser Assoziation auch namentlich Rechnung zu tragen.
Inzwischen  haben ja in Zusammenhang mit „Blockupy“ auch die Bewohner Frankfurts kürzlich über einen Zeitraum von einer knappen Woche ihre diesbezüglichen Erfahrungen machen dürfen. In einer Fernsehnachrichtensendung berichtete eine ältere Frankfurter Anwohnerin vor einigen Tagen, sie fühle sich von dieser ungeheuren polizeilichen Demonstration der Staatsmacht regelrecht bedroht. Nun, ich denke, genau darum geht es. Ob auf Projektebene (sozusagen als Ausdruck der Struktur: „das was hinten raus kommt“) mit Stuttgart 21, als Kritik an und Hinterfragen der Strukturen in Frankfurt oder sonst wo.
Mir fällt gerade ein: bereits im Nebenfach Politik, doch auch im Hauptstudium Geografie beschäftigten wir uns damals in den 90ern in Tübingen auf akademisch-wissenschaftlicher Ebene mit Fragen wie: welcher Mittel bedienen sich ganz allgemein und unabhängig von der jeweiligen Art Systeme mit (teil-)autokratischen Strukturen, wenn privilegierte Vertreter einer wie auch immer gearteten wirtschaftspolitischen Korruption sich in ihrem Zugang zu den reich gefüllten Töpfen der Steuergelder und damit der Macht bedroht fühlen? Worin liegen die Gemeinsamkeiten?
In einem solchen Fall, so die wissenschaftlich-theoretische Diskussion, muss gewährleistet sein, dass  es in bestimmten Schlüsselinstitutionen (u.a. Polizei, Justiz, Staatsschutz, Militär usw.) möglichst geschmeidig läuft und die Trennung der Gewaltenteilung, sofern im jeweiligen Regime überhaupt vorhanden, durchlässig wird. Hier kommt in einem solchen Fall der personellen Besetzung an jeweiligen institutionellen „Brückenköpfen“ auf hoher und mittlerer Ebene eine entscheidende Bedeutung zu, damit es geschmeidig läuft – sei es über Anreize, sei es über Abschreckung oder sei es über beides zusammen.
Entscheidend ist zudem die Art der Information in der jeweiligen  Medienlandschaft, der ja in freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsstrukturen als Kontrollfunktion die Rolle der sogenannten vierten Gewalt zukommen soll: worüber wird wie und mit welcher Zielsetzung berichtet, worüber nicht und mit welchem Hintergrund? Welche „Freund-Feind-Bilder“ werden geschaffen und gesendet und welcher Grad an gesellschaftlicher Spaltung wird dafür akzeptiert und zu welchem Zweck? In welche Netzwerke und gegebenenfalls Abhängigkeitsverhältnisse sind sie eingebettet? Eine „Königsdisziplin“ in (teil)-autokratischen Systemen ist die Korrumpierung von Teilen der Wissenschaft, wenn wirtschaftspolitische Interessen tangiert sind – Stichwort auf empirischer Ebene: oft staatlicherseits oder staatsnah in Auftrag gegebene und bewusst (teil-)manipulierte Studien und Gutachten, ausgeführt über staatliche Institute z.B. in Universitäten und/oder privatwirtschaftliche Institute. Auch hier natürlich mit Konditionierung über ein System von Anreizen und/oder Abschreckung.
Wie ist die Zivilgesellschaft organisiert und in welche Entscheidungsprozesse tatsächlich und/oder vermeintlich eingebunden? Welche Werte werden propagiert und wie groß ist gegebenenfalls die Diskrepanz zwischen nach außen propagierten und tatsächlich gelebten Werten?
Bei der Spurensuche zur Beantwortung dieser Fragen behilflich ist immer die Frage nach dem: „cui bono“: wem dient es? Es ist die Schlüsselfrage.
Ich bin als Kind in einem Land mit Militärdiktatur aufgewachsen und als Jugendlicher in die hiesige Gesellschaft gekommen, die  historisch schwerstes Unrecht aufgebaut, gewählt, durchgeführt und toleriert hat. Solche Fragen interessieren mich schon durch biografischen Werdegang. Stuttgart hat sich mir in den vergangenen zwei-drei Jahren als fruchtbares Terrain zur Auseinandersetzung mit diesen Fragen entwickelt, nachdem die Jahre zuvor, bei der in der Freizeit die Auseinandersetzung mit Stuttgart 21 auf rein projektfachlicher Ebene erfolgte (wichtige geografische Stichworte: ausgehend vom Status Quo (K 20) Bewertungsversuch (S21 und K20/K21 als Alternativen) anhand einer bei Projekten immer vorzunehmenden Kosten-Nutzen-Risikoanalyse unter Zusammentragung möglichst vieler wirtschaftlicher, finanzieller, bahnlogistischer, kultureller, geologischer, sicherheitsrelevanter, ökologischer , städtebaulicher und sonstiger Aspekte/Variablen anhand der zur Verfügung stehenden und zugänglichen Unterlagen). Zusammenfügung zu einem Gesamtbild einschließlich der Alternative(n). Als dieser Teil für mich abgeschlossen und gemacht war samt Bewertung, hielt ich 2007-2008 das Ganze noch für ein riesiges Missverständnis. Nun, wir sehen, ein Missverständnis ist es nicht. Es hat schon Gründe, warum so und nicht anders.
Nachdem die Auseinandersetzung auf rein fachlicher Ebene mit Methoden und Vorgehensweisen, wie sie uns akademisch im Fach Geografie gelehrt wurden, offensichtlich zu kurz griff, da bei aller Beleidigung für den menschlichen Geist auf der Projektinhaltsebene das Projekt S 21 ja weiter forciert wurde und wird, kam auf dieser mehr politikwissenschaftlichen Ebene die Frage nach dem „cui bono“ hinzu? Wem dient es? Und dann: s.o. . Am ersten Bauzaun am Nordflügel, der ja am 2. Dezember 2010 ins Haus der Geschichte wanderte, las ich ein Plakat: Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wissen genau, was sie tun. Ein schöner Satz, wie ich denke.
Soviel spontan zu meinem kleinen gedanklicher Exkurs – ich empfinde Phasen des „Tete-à-Tete“ mit mir selbst immer wieder mal als bereichernd, hier teile ich sie mit anderen. Zurück zum Hofgang. Der Häftling berichtete uns von Stammheim zudem von dreckigen Einzelzellen im Untergeschoss, „Bunker“ genannt, in denen Häftlinge teils mehrere Wochen am Stück völlig isoliert „gehalten“ werden, mit lediglich einer Matratze als Einrichtung und in denen sie das Essen durch eine Klappe erhielten. Ob das stimmt, kann ich natürlich nicht sagen, da ich es nicht weiß.
Soviel noch zum gestrigen Donnerstag.
Herzliche Grüße,
Mark
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Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

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