Post aus dem Knast – Teil 6

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Mittlerweile haben wir sechs Hafttagebucheinträge erhalten mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir nach und nach abtippen werden. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Donnerstag, 31/5/2012

Gestern wurde mein Zimmernachbar entlassen. Ich sage Zimmer statt Zelle, weil wir es in den letzten Tagen geschafft haben, aus dieser Zelle ein Zimmer zu machen – Böden, WC und das vergitterte Fenster geputzt, Staub gewischt. Dazu haben wir Handtücher und Duschgel zur Verfügung – Handtücher ausreichend, um je eines zu „Putzzwecken“ Zweck zu entfremden. Seit Freitag konnte ich bisher zweimal duschen – doch im Zimmer gibt es ein Waschbecken mit fließend kaltem Wasser, so dass ich morgens immer eine „Waschbecken“-Dusche nehme – meinen Kopf kann ich so gerade eben zwischen Wasserhahn und Waschbecken quetschen, um mir die Haare zu waschen, dazu haben wir so eine Art Waschlappen zur „Ganzkörperwäsche“.

Ich bin froh, dass mein Zimmernachbar ebenfalls großen Wert auf gute hygienische Zustände legt, ansonsten hätte es mir den Aufenthalt hier deutlich unangenehmer gemacht. Es war gleich am ersten Tag seine Idee, dass wir jeden Tag den Boden nass wischen, um hier barfuß laufen zu können. Die Beamten kommen in der Regel nicht in die Zelle rein – mit einer Ausnahme vom ersten Tag, als ich nachmittags eingeschlafen war und ich nach Angaben meines Mitinsaßen auf Zuruf nicht sofort reagierte. Überhaupt fällt mir hier auf, dass sich Beamte und Wärter oft verhalten, wie ich es beim Füttern der Fische im Aquarium oder beim Beobachten der Fütterung von Tieren in der Wilhelma immer wieder erlebe: Das Klicken der Türschlösser oder der Zuruf wirkt wie ein konditionierter Schlüsselreiz – die meisten Häftlinge reagieren sofort darauf.

Das war mir auch bei meinem Zimmernachbar aufgefallen – er stand nach kurzer Zeit immer korrekt an der Tür und holte sich sein Essen ab. Aber sehr krass erlebe ich es bei den Hofgängen: sobald die (abgeschlossene) Tür zum Hof bei Beendigung des Hofgangs aufgeschlossen wird, stürmen, wenn wir viele sind, die Häftlinge sofort zur Tür und in ihre Zimmer/Zellen, unterbrechen unmittelbar jegliche Schach- oder Tischtennispartie oder das Gespräch – sie „parieren“. Das war mir schon am ersten Tag aufgefallen und ich fand es merkwürdig. Inzwischen habe ich verstanden, dass es eine Form der (wenigen) menschlichen Kontakt-/Hinwendungsformen für den Häftling ist – ob gewollt oder nicht, der Wärter und das Wenige, was an Hinwendung kommt, ist für den Häftling sehr wichtig – und damit eine Form von großer Macht, ob sie nun missbraucht wird oder nicht. Doch so ist es.

Diese Form von Konditionierung auf diese Art von Schlüsselreizen gefällt mir persönlich nicht – und auf eine Art widersetze ich mich dem. Weil es mich innerlich stört und so mache ich i.d.R. Erst einige Sekunde das fertig, was ich gerade tue (z.B. Lesen, Schreiben, irgendwas im Zimmer aufräumen), bevor ich meine Aufmerksamkeit den Beamten hinwende. Mir ist aufgefallen, dass sich einzelne Beamte dann eine Spur lang wie persönlich beleidigt fühlen, obwohl ich nie einem Beamten in irgendeiner Form unhöflich begegnet bin. Für mich ist das einfach eine Frage der Menschenwürde und ich nehme mir das Recht, einen Gedanken z.B. zu Ende zu denken. Bei der Essensausgabe schiebt immer ein Gefangener den Essenswagen und verteilt das Essen. Das ist, wie mir inzwischen klar wurde, ein Ritual, an dem ich mich in der Regel wenig beteilige, weil ich heilfaste und außer etwas Brot und gelegentlich eine Orange/Karotte/etwas Käse nichts esse.

Seit gestern bin ich zumindest vorübergehe mit mir gemeinsam auf der Zelle, seit mein Zimmernachbar entlassen wurde – ich habe sozusagen meinen Palast hier ganz für mich – was ich sehr genieße. Und so kam es, dass ich erstmals selber zum Essenswagen an der Tür mit meiner Kanne bin, die ich am Teebehälter füllen wollte (es gibt morgens+abends Tee, ansonsten Leitungswasser am Waschbecken zu trinken). War falsch – ich darf das nicht selber machen, sondern muss die Kanne unter den Hahn halten und der Häftling am Essenswagen bedient den „Zapfhahn“ selber. Vom Abendessen wollte ich nur zwei Scheiben Brot. Ich hielt die Hand auf, um sie in Empfang zu nehmen. Auch das war falsch – ich muss einen Teller hinhalten. Doch mein Teller war mit Schreibsachen und ausgehender Post „blockiert“, da ich ihn ja zum Essen nicht brauche. Ich räumte die Sachen vom Teller weg, lief zurück zur Tür, wo der Essenswagen stand, und der Häftling überreichte mir das Brot auf den Teller. Dann waren alle zufrieden, hihi.

Bis dahin war mir das nicht aufgefallen, da mein Mithäftling bei der dreimaligen Essensausgabe am Tag einfach immer viel schneller an der Tür stand als ich – Stichwort Schlüsselreizkonditionierung – und das wenige, was ich haben wollte (Tee, Brot, wenn es gibt Obst) immer für mich mitbesorgte. Dass ich regelmäßig mein warmes Mittagessen nicht will, das wissen Wärter und Essensausgabehäftlinge ja seit dem ersten Tag, seit ich hier bin – da gibt es keine Probleme oder Diskussoinen mehr. Morgens + abends hat mein Mithäftling immer alles für sich + mich mitgenommen aufs Zimmer. Als ich gestern sagte, mir reichen zwei Scheiben Brot, haben sie draußen schon ein bißchen komisch geguckt (es war das Einzige, was ich gestern wollte) – ich denke, ich werde etwas mehr nehmen müssen, damit ich hier meine Ruhe habe und nicht ein Problem von den Beamten konstruiert wird, wo es keines gibt. Die Klospülung funktioniert gut.

Seit gestern nachmittag habe ich ja die Zelle für mich – zumindest vorübergehend. Mein Zimmernachbar und ich haben uns herzlich verabschiedet – wir haben uns sehr gut verstanden. Und doch genieße ich es, nun den Raum für mich zu haben. Der Fernseher lief von morgens bis abends non-stop – ansonsten hätte er es einfach sehr schlecht ausgehalten und ich hätte ständig sein Mitteilungsbedürfnis befriedigen müssen und wäre weniger zu meinen eigenen Sachen – Lesen, schreiben und Post lesen gekommen.

Es ist unglaublich, wie viele Menschen mir schreiben – Postkarten, Briefe, teilweise ganze DIN A4 Umschläge, auch mit Bücher – ich bin völlig überwältigt davon und es tut mir unglaublich gut. Es sind bereits über 400 Briefe+Postkarten und Päckchen, allein für die gestrige Post habe ich über 4 Stunden (auf 3 Schichten verteilt bis zum Abend) gebraucht – und fühle mich reich beschenkt! Nun habe ich hier Platz, meine Post auf den 2 Wandfächern um den Fernseher zu verteilen. Es sind so klasse Sachen darunter, teilweise lache ich Tränen, oft sagen mir Menschen, die mich ar nicht kennen und die ich nicht kenne, sehr schöne Sachen, so daß auf eine Art für mich die Zeit wie im Fluge vergeht und ich mich gut ausgeschlafen und ausgeglichen fühle. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass an dieser Aktion, die für mich ja schon seit 2010 feststand, so viele Menschen Anteil nehmen und manchmal frage ich mich, wie ich ihnen dafür danken kann.

Jedenfalls genieße ich hier die Zeit ohne Glotze bis zur Tagesschau um 20 Uhr. Die Zellentür kann natürlich immer und jederzeit aufgehen und mir entweder einen neuen Menschen mitreinspülen, oder man fordert mich auf, wie ja eigentlich bereits am ersten Tag angekündigt, in eines der alten „Schmuddelhäuser“ umzuziehen. Das ist bisher ausgeblieben und so habe ich hier eine Ersatzfreiheitsstrafe, wie ich sie mir im allergünstigsten Fall zu erhoffen gewagt habe. Dass ich 23 Stunden am Tag eingesperrt bin, macht mir nichts aus – das ist der Punkt, den die meisten anderen, mit denen ich beim Hofgang spreche, als sehr belastend empfinden: dieses auf sich selbst zurück geworfen sein.

Soviel für heute,

Mark

Advertisements

Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

4 responses to “Post aus dem Knast – Teil 6

  • 10 Tage Haft und kein Ende? | SchaeferWeltWeit.de

    […] Hier also die Berichte – mit einem Dank auch an “BlogNAU” die diese Texte aus Briefen von Mark abgeschrieben haben! Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 […]

  • Steffen

    Lieber Mark. Vielen Dank für Deine z.T. sehr lebendigen aber auch sehr aufschlussreichen Berichte. Das mit diesen Abhängigkeiten und dem Parieren hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Ich denke, unser Vollzugssystem bedarf dringend einer Umgestaltung, es sollte, zumindest für den Inhaftierten, transparenter werden (vielleicht auch für die Vollzugsbeamten?). Ich kenne Dich zwar nicht persönlich und bitte um Verzeihung, wenn ich Dir keine Postkarte in den Knast geschickt habe. Du darfst mir aber glauben, dass ich Deine Entscheidung sehr bewundere und ich einen großen Respekt habe. Vielleicht hast Du auch Glück mit Deiner Unterbringung und es hätte Dich schlimmer treffen können. Aber 23 Stunden eingesperrt zu sein muss hart sein, egal ob Glück oder nicht. Also, gehe Deinen „Weg“ zu Ende, das ist wirklich bewundernswert. Ich weiß nicht, ob ich mich so entschieden hätte (wahrscheinlich nicht). Alles erdenklich Gute. Steffen.

  • Gefängnistagebuch | SchaeferWeltWeit.de

    […] abgeschrieben haben! Teil 1 – Teil 2 – Teil 3 – Teil 4 – Teil 5 – Teil 6 – Teil 7 – Teil 8 – Teil […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: