Post aus dem Knast – Teil 5

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Mittlerweile haben wir sechs Hafttagebucheinträge erhalten mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Donnerstag 31. Mai, die wir nach und nach abtippen werden. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

Mittwoch 30/05/2012 Hafttagebuch Tag 6

Gestern morgen rief ich Markus noch daheim an – es hat mich gefreut, mit ihm zu sprechen und er plant, mich hier besuchen zu kommen. Erst gestern morgen wurde ich auf Nachfrage darüber informiert, dass er alle möglichen Anträge gibt, wegen Eigengeld, Telefon, Anfrage auf Besuch, sonstige Anfragen u.a. Seelsorge usw. Dabei wurden mir die Anträge ausgehändigt – die meisten sind für mich wertlos, da die Bearbeitung so lange dauert, dass ich da schon wieder draußen bin. Eigentlich hätten mir diese Anträge bereits bei meinem Haftantritt ausgehändigt werden sollen – es wurde vergessen, wie der Beamte verdutzt feststellte, als ich ihm mitteilte, dass ich keinen Tabak mehr habe und entweder meinen eigenen Reservetabak haben will, der mir nicht ausgehändigt wurde, oder aber von meinem mitgebrachten Geld Tabak besorgt und mir ausgehändigt wird. Nun habe ich heute die Anträge gestellt – schauen wir mal.

Ich denke, ich habe mit meinem Mithäftling, der heute im Laufe des Tages entlassen wird, großes Glück. Wir verstehen uns prima und erleichtern uns gegenseitig die Situation, so dass sie einfacher ist. Dazu ist das Zimmer sauber – wir halten es sauber. Das macht es würdiger. Denn von den Rahmenbedingungen muss man sich einfach vorstellen: wir sind 23 Stunden am Tag in diesem Zimmer eingesperrt. 1 Stunde haben wir Hofgang – gestern wieder mit Tischtennisspielen – das war echt klasse. Doch wer da nicht gut mit sich im Reinen ist, für den wird ein solcher Knastaufenthalt zur wahren Hölle – in allem auf sich selbst zurückgeworfen, in allem abhängig von den „Gnaden“ der JVA-Beamten bzw. Mitinsassen, wenn z.B. jemand über kein Kaffee, Tabak etc. verfügt, was in der Anfangsphase für die meisten der Fall ist.

Auf der anderen Seite kann es jedoch auch eine sehr gute Übung sein – doch das setzt viel Selbstreflexion voraus: sich in der Kunst zu üben, aus „einer leeren Tassen Tee zu trinken“, wie es in Japan manchmal genannt wird. Für mich persönlich ein hoch spannendes Thema, auch um genau auszuloten, wo ich stehe, welche meine Ressourcen sind, auf die ich zurückgreifen kann, und wo meine Schwächen sind. Wie groß ist der Grad an innerer Freiheit, um der äußeren Unfreiheit und „Unwürde“ zu begegnen – denn die Tiere in der Willhelma haben mehr Freiheit und „menschliche Wärme“ als viele Gefangene hier. Ich bezweifle, dass ein Großteil der Menschen, die hier aus welchen Gründen auch immer einen Teil ihres Lebens hier „absitzen“, dadurch der Nährboden bereitet wird, sich zu „besseren“ Menschen zu entwickeln. Dafür stimmen die Rahmenbedingungen nach meinem ersten, flüchtigen Eindruck einfach nicht – in einem System von „Unwürde“ glaube ich nicht, dass der Nährboden für ein „würdiges Leben“ bereitet wird.

Eben brachte mir der Wärter/Beamte 3 Päckchen Tabak und Zigarettenpapier – soviel kann ich in 4-5 Tagen unmöglich rauchen und ich werde heute beim Hofgang eines verschenken, wenn ich auf einen Insassen treffe, der keinen Tabak hat, obwohl er Raucher ist. Doch gestern beim Tischtennisspielen waren wir beim Hofgang nur zu dritt – viele gehen unter der Woche irgendwo arbeiten – nicht jedoch diejenigen, die nur kurz vor Ort sind wie mein Zimmernachbar und ich.

Gestern kam an diesem Dienstag nach Pfingsten erstmals seit Samstag wieder Post – für mich waren es weit über hundert Postkarten, Briefe, Päckchen teilweise sogar mit einem Buch – ich war völlig überwältigt. Mein Zimmernachbar meinte lachend, nun werde ich wie am Samstag auch eine ganze Weile meine Post lesen und anschließend einen Nachmittagsschlaf machen – und so war es dann auch. In insgesamt drei „Schichten“ habe ich meine Post gelesen – es standen oft so schöne und „nährende“ Worte drin, an mich gerichtet, dass ich danach tatsächlich immer ein-zwei Stündchen einen Siestaschlaf gemacht habe, um das alles „zu verdauen“.

Ich hatte ursprünglich einfach vorgehabt, meine Geldstrafe „abzusitzen“ – die Dynamik, die das Ganze entwickelt hat, ist für mich überwältigend. Und ich freue mich riesig über die Post, es unterstützt meine Aktion ungemein, da ich hier ansonsten sehr abgeschnitten bin vom Leben da draußen. Wir haben zwar Fernsehen, doch es gibt die Welt „hier drinnen“ und die Welt „da draußen“ – die Grenze ist fest verschlossen und „Schlupflöcher“ zwischen den Welten selten. So hat jeder Gefangene Anrecht auf einen Anruf – den habe ich gestern gemacht. Für weitere Anrufe muss ein bürokratisches System aktiviert werden, das so lange dauert, dass es sich für meine Tage nicht lohnt. Und so ist die Post sehr wichtig und willkommen für mich.

So viel für heute,
Mark

Advertisements

Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

4 responses to “Post aus dem Knast – Teil 5

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: