Post aus dem Knast – Teil 4

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Mittlerweile haben wir fünf Hafttagebucheinträge erhalten mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Mittwoch 30. Mai, die wir nach und nach abtippen werden. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern. Folgender Eintrag wurde von Markus abgetippt – ich habe ihn nur online gestellt.

29/05/2012 – Dienstag

Mir geht es hier soweit gut, ich bin zwar eingesperrt, aber dafür kann ich viel lesen, schlafen und schreiben. Zudem habe ich einen netten Zimmerinsassen; wir unterhalten uns viel. Eben (um 6 Uhr) kamen die Wärter zum Frühstück bringen rein und sagten ihm, er würde um 8 Uhr in ein anderes Haus verlegt – obwohl er bereits morgen entlassen wird. Eine Viertelstunde später kamen sie rein und einer meinte, da er ja morgen schon entlassen werde, wäre es Blödsinn, wegen einem Tag noch umzuziehen, so dass er doch noch bis morgen mit mir hier in der Zelle ist – find ich klasse. Am Freitag bin ich darüber informiert worden, dass ich kommende Woche, also ab jetzt, voraussichtlich in eines der anderen Häuser umziehen werde, die wie mir die Beamten sagten, „nicht so luxuriös seien wie der Neubau hier“. Wahrscheinlich dachten sie, diese Ankündigung würde mich dazu veranlassen, doch das Schreiben zu unterschreiben, dass ich nach 5 Tagen entlassen werde, was ich ja nicht tat.

Gestern habe ich beim Hofgang auch Tischtennis gespielt – war ganz lustig. In diesem Haus hier sind auch viele junge Männer (Anfang bis Mitte 20), die hier wohl auch an Therapieprogrammen teilnehmen. Mir ist allmählich der Tabak ausgegeangen – gestern sagte mir ein Beamter, jemand müsse für mich Geld auf ein Kontoüberweisen, damit ich davon was kaufen kann. Ich sagt ihm, ich hätte mein eigenes Geld mitgebracht und außerdem hätte ich noch mein anderes Päckchen Tabak, was mir nicht ausgehändigt worden sei. Er sagte, ich solle die Beamten heute (Werktag darauf ansprechen. Das System hier ist intransparent – Du wirst über das meiste im Unklaren gelassen – ich denke, dadurch sind ungesunden Strukturen Tür und Tor geöffnet. Ach so, Kaffee gibt es hier nicht nur Tee, doch ich vermisse ihn nicht.

Ob und wie ich Besuch kriegen kann, weiß ich bis heute nicht. Werde nachfragen. Doch abgesehen von der Intransparenz, die sicher systemisch auch genau so gewollt ist, geht es mir hier gut und meistens habe ich bzw. haben wir unsere Ruhe.

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Über Julia

Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

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