Post aus dem Knast – Teil 3

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel “Post aus dem Knast” veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Bisher haben wir drei Briefe erhalten mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Sonntag 27. Mai, die wir nach und nach abtippen werden. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

27/5/2012 – Sonntag

Ich schreibe ja meine Tage jeweils am nächsten Morgen, bevor gegen 6:30 Uhr das Frühstück gebracht wird. Der gestrige Morgen war bewölkt (also keinen Sonnenaufgang über der schwäbischen Alb sichtbar wie zuvor, den ich von meinem Hochbett in einem Winkel beobachten kann). Ich stand später auf, erst vor 7 Uhr, da wir am Vorabend ja bis spät die Inszenierung aus Baku angeschaut haben. Mein Zimmernachbar schläft eh lange, oft bis 9 Uhr, so dass ich morgens immer ganz in Ruhe alles das machen kann, was ich mag. Der Morgen ist für mich eine wertvolle, wichtige Zeit, bei dem ich mich in meinen Rythmus auf den jeweiligen Tag einstimme, und so auch gestern.

An Wochenenden und Feiertagen ist der Ablauf hier wie ich denke eingeschränkter wegen geringerem Personalaufwand. Mir geht es soweit ganz gut, mein Zimmernachbar und ich unterhalten uns zwischendurch immer wieder viel. Im Zimmer laufen wir beide Barfuß, deshalb putzen wir vormittags immer den Boden mit Wasser und Duschgel kurz durch, damit es sauber bleibt.

Noch unklar ist mir, wie ich an Tabak herankomme, wenn meiner etwa gegen Dienstag früh leer ist. Habe heute eine Wärter gefragt, er meinte, normalerweise müsse jemand Geld auf ein Konto für mich überweisen. Ich sagte, ich hätte mein eigenes Geld mitgebracht – werde am Dienstag nachfragen, was sich da machen lässt. Überhaupt ist mir aufgefallen, dass hier ein gewisses Tausch- und auch Abhängigkeitsverhältnis entsteht, was Geld und Waren wie Tabak + Zigaretten z.B., aber auch anderes entsteht. Häftlinge, die nicht arbeiten und über kein eigenes Geld verfügen, sind darauf angewiesen, dass jemand von außen auf ihr Konto einzahlt. Beim Hofgang vorgestern ist mir aufgefallen, dass das bei einigen nicht der Fall ist und sie dadurch andere um Zigaretten bitten, was mal gewährt, mal abgeleht wird. Auch sind sie dadurch auf die „Gnade“ der Beamten angewiesen. Ich denke, dadurch entsteht ein System, was gegebenenfalls Konflikte, Abhängigkeiten und „ungesunde Netzwerke“generiert wie Drogenhandel, Erpressung usw. Ich habe davon hier in diesem überschaubaren kleinen Haus noch nie etwas mitgekommen; wie es in den anderen Häusern ist, weiß ich nicht, doch denke ich, durch so intransparente Rahmenbedingungen wird nach meiner Einschätzung dafür der Nährboden geschaffen.

Über vieles, zumindest wirkt es so auf mich, wird der Häftling im Unklaren gelassen oder muss bei den Wärtern immer wieder nachfragen. Es gibt zumindest nach meiner Einschätzung kein „Regel- und Rechtekatalog“ wie: das darfst du, darauf hast du ein Recht, das geht gar nicht, wenn du das (haben) willst, musst du so und so agieren. Vieles bleibt im Unklaren, im Ungefähren.

Jetzt muss ich hinzufügen, dass ich bisher außer am Freitag, wo ich reinkam, keinen Werktag erlebte, der womöglich anders abläuft. Ich bin hier alles in allem ganz entspannt und zufrieden, mein Zimmernachbar klasse, das Zimmer sauber, die Beamten stören auch nicht weiter und mit dem Gefühl, eingeschlossen zu sein, kann ich leben – insbesondere, weil es den Notruf-Knopf gibt für den Fall der Fälle.

Gestern haben wir uns unter anderem darüber unterhalten, was ich einmal im Buch von James Clavell „Shogun“ über die japanische Kunst gelesen habe „aus einer leeren Tasse Tee zu trinken“. Es ist in Japan je etwas sehr Besonderes, die Teezeremonie zur kunstvollen Perfektion auszuüben. Und such dieses Lernen „aus einer leeren Tasse Tee zu trinken“ war für mich ein „Lehrmeister“, der mir schon in vielen Lebenssituationen geholfen hat, Glück und Zufriedenheit auch unter prekären Bedingungen zu entwickeln und einen Grad geistiger Freiheit und emotionaler Stabilität zu erreichen. Mein zweimal jährliches Heilfasten, das ich ja nun, in abgemilderter Form aufgrund der für mich neuen Bedingungen angepasst, zielt genau in diese Richtung.

Gestern war der Hofgang nachmittags und irgendwie hatte kaum einer der Häftlinge Bock darauf – ich war mit einem Häftling in dem Innenhof allein, doch die frische Luft tat mir gut. Der Mithäftling im Hof hatte schon zwei Jahre „Knastlaufbahn“ hinter sich und erzählte mir in gebrochenen Deutsch mit ausgiebiger Bereitschaft zum Erzählen davon. Ich versuche, ein für mich gesundes Gleichgewicht zwischen empathischer Bereitschaft zum Hinhören und Abgrenzung zu entwickeln, einerseits um mein Gegenüber nicht dauerhaft „in seiner Soße“ schwimmen zu lassen, andererseits meine innere Harmonie nicht zu stören. In der Stunde im Hof ließ ich ihm zweimal für knapp 10 Minuten die Gelegenheit, von sich zu sprechen, während ich ansonsten für mich sein wollte und meine „Hofsiesta“ mit mir verbrachte. Groß von mir wollte ich ihm nicht erzählen, sondern antwortete ihm bei einer Frage an mich mit einer entsprechenden Gegenfrage, die den Focus wieder auf ihn selbst lenkte.

Ich fragte nachmittags einen Wärter, wie es mit Post sei, ob ich die Umschläge verschließen kann, da mir aufgefallen war, das Briefe an mich, die in einem Couvert ankamen, zuvor geöffnet worden waren, bevor sie mir zukamen. Er sagte, Briefe, die raus gehen, könne ich verschließen, geöffnet würden also nur Briefe, die reinkommen. Die Post ginge Dienstags wieder raus, so dass ich einige Briefe inzwischen gesammelt habe, die ich dann rausgebe. Julia, das Tagebuch kommt ja wie besprochen an Dich, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob du die Kapazität hast, das alles einzutippen. Vielleicht kannst Du es einscannen? Nun, das wirst du entscheiden und vielleicht hilft dir ja jemand. Hoffe, du kannst meine Schrift entziffern.

Gestern abend gab es bei Terra X eine Sendung, die mir gefallen hat und die ich ansah. Es ging um einen jungen Wissenschaftler (Forster), der Mitte des 18. Jahrhunderts auf einer Seereise mit Kaptän James Cook in die „Neue Welt“ unter anderem den Antarktischen Grenzraum und die Südsee umschiffte und der die Aufgabe hatte, Flora und Fauna über Zeichnungen und Trockenproben für die europäische Wissenschaft zugänglich zu machen. Doch das eigentlich Beeindruckende fand ich, dass er in einer Zeit des „europäischen Kulturethnozentrismus“ in so jungen Jahren (17-18) offensichtlich als Einziger in der Lage war, die anderen Menschen und Kulturen, auf die er traf, unvoreingenommen und mit Respekt zu begegnen – praktisch in der später in der Wissenschaft Ethnologie mit dem Mittel der „teilnehmenenden Beobachtung“. Das eröffnete ihm völlig neue Sichtweisen, die den engen Rahmen der damaligen „Main-Stream-Denkweise“ um Meilen überstrahlte, wonach „den Wilden“ praktisch das Recht auf Menschsein abgesprochen wird. Diese „revolutionäre“ Sichtweise führte ihn zwangsläufig natürlich in Konflikte hinein, da eben alle, mit denen er zusammen reiste, im Denken ihrer Zeit begrenzt waren und er bezüglich der „paradiesischen“ Zustände, die er auf Tahiti und anderen Südseeinseln zunächst glaubte, zu erleben (die er dann aufgrund der dort beobachteten sozialen Hierarchien, die letztendlich auch ein Bild von „Herren“ und „Diener“ abgaben, wieder relativierte), letztendlich zu der Feststellung führte: das „Paradies auf Erden“ bleibt nur solange ein „Paradies“, wie es von Europa unendeckt bleibt, denn ab dann beginnt sein Niedergang.

Soviel für heute,

Cheers,

Mark

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Über Jens

Fotograf (Journalismus, Dokumentation, Tiere, Kunst) & Aktivist Zeige alle Beiträge von Jens

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