Post aus dem Knast – Teil 2

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel “Post aus dem Knast” veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Bisher haben wir drei Briefe erhalten mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Sonntag 27. Mai, die wir nach und nach abtippen werden. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

26/5/2012 – Samstag

Nachtrag vom Freitag: Hatte noch vergessen zu erwähnen, dass ich Freitag Nachmittag eine Siesta gemacht hatte und eingeschalfen war. Als gegen 17 Uhr die Zellentür geöffnet wurde, um das Abendessen zu bringen, war ich nicht gleich wach geworden – ich erwachte mit einem oder zwei Beamten an meinem Bett,die aufgeregt meinen Namen riefen – ich war überrascht über die Dringlichkeit und Aufregung, setzte mich auf und zog meine Brille an. Darauf sagten sie, dass sie mehrma

ls am Tag hereinkommen, um zu sehen, dass alle Insassen noch leben bzw. dass es ihnen gut geht. Ich sagte ich hätte geschlafen und habe deshalb nicht sofort reagiert. Sie zeigten uns den roten Rufknopf im Zimmer, falls es jemandem nicht gut gehe. Also ist zumindest im Neubautrackt jedes Zimmer damit ausgestattet, ebenso wie mit Lichtschalter für Zelle und WC.

Samstag: Gegen 7 Uhr wurden wir zum Frühstück geweckt – d.h. Ich war schon einige Zeit seit 5:30 Uhr wach und hatte den Tag zuvor bereits als Knasttagebuch aufgeschrieben. Mir geht es gut, ich habe gut geschlafen, die Morgensonne scheint an Fenster – der Blick von diesem Fenster führt an einen Straßen- / Betonvorplatz mit angrenzenden Gebäuden. Nicht wirklich schön, doch wenn ich vom Etagenbett (ich bin oben) schräg durch das Fenster schaue, erblicke ich auch von hier aus Ausläufer der Schwäbischen Alb.

Mein Zellennachbar schläft lange, so dass ich alle Zeit habe, zu schreiben, lesen etc. Ich habe den Justizbeamten hier nicht gesagt, dass ich heilfaste, nachdem ich die Erfahrung gemacht hatte, wie aufgeregt sie schon reagieren, wenn ich beim Schlafen nicht sofort aufwache. Habe mit meinem Zimmernachbarn ausgemacht, dass er Teile vom Essen von mir nimmt, und ich nur zwischendurch bei den Mahlzeiten den Beamten absage mit den Worten, ich sei satt und hätte noch Essen hier.

Gegen halb zehn wurden wir gefragt, ob wir in den Hof wollen. Mein Zimmernachbar wollte nicht, ich ging raus in den Innenhof, wo ca. 8 Mitgefangene ebenfalls draußen waren; zwei spielten Schach, einige unerhielten sich, einige liefen umher. Einige wirkten auf mich ganz fit, von anderen hatte ich den Eindruck, dass sie psychisch ziemlich angeknackst waren. Ich unterhielt mich meist mit den beiden Schachspielern und spielte die letzte Viertelstunde mit einem eine Schachpartie, bei der er mich gnadenlos ausgespielt hätte, wäre nicht der Hofgang beendet gewesen nach einer Stunde – ich habe von Schachspielen keine Ahnung ausser, daß ich weiß, wie man die Figuren setzt – es war also ziemlich lustig.

Zurück in der Zelle kam schon gegen 11 Uhr das Mittag esse (Nudeln, Sosse, Blattsalat + 1 Orange) – wie das Essen schmeckt, kann ich nicht sagen, mein lockeres Heilfasten mache ich so, dass ich seit Freitagmjeweils morgens + abends 1/2 bis 1 Scheibe trocken Brot esse und sonst nichts. Die Orange habe ich gegessen wegen Vitaminzufuhr, mein Zimmergenosse hat mir seine geschenkt so dass ich für den Sonntag auch noch eine habe. Wir teilen eh alles miteinandern und verstehen uns sehr gut.

Nach dem Mittagessen ging ich duschen (man kann wohl nicht jeden Tag duschen, von daher gilt es die Gunst der Stunde zu nutzen). Den Mittag/ Nachmittag verbrachte ich abwechselnd mit Lesen im Manuskript + überarbeiten, lesen und Arabisch-Alphabet lernen. Mein Zimmergenosse hatte mit ja schon am Vortag das arabische Alphabet aufgeschrieben – die Zeichen sind jeweils unterschiedlich, je nachdem, ob sich der Buchstabe am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Wortes befindet – hochinteressant und nicht ganz einfach – zum Auswendiglernen reicht es mir beim Fasten nicht, doch wir haben begonnen, Wörter auf Arabisch zu übersetzen in Lautschrift, die ich mit seiner Hilfe in die jeweiligen Zeichen nach der Alphabet-Liste setzte. So schreibt sich mein Name Mark:

Ach so, gestern morgen sagte mir bei der Frühstücksausgabe der Beamte, ich sei mit Bild in der Zeitung erschienen und nach dem Mittagessen kam wieder einer: „Herr Pollmann, Fanpost für sie“ und überreichte mir 38(!) Postkarten und Briefe. Ich war ganz gerührt und habe gestern auch alle gelesen und mich tierisch über die lieben Worte gefreut – sogar Post aus Norddeutschland kam. Woher haben die ganzen Leute meine Adresse?? Jedenfalls scheint miene Aktion viele Menschen zu berühren – es ist schon so viel Post darunter von Menschen, die ich gar nicht kenne!

Gestern abend (also Samstag, denn heute ist Sonntag morgen) haben wir dann noch den Grand Prix de la Chanson aus Baku bis zum Schluss (hab etwa ein Stündchen verschlafen) angeschaut – mich hat besonders interessiert, wie die ARD aus Baku berichtet und diese Regimeselbstinszenierung . Immerhin ging die Berichterstattung auch immr wieder ein auf die autokratischen Strukturen durch das Regime in Aserbaidschan ein. Musikalisch hat mich der Beitrag aus Estland am meisten überzeugt (der junge Tenor); sehr lustig fand ich die Russki Babuschki (Russlands Großmütterchen).

Alles gut hier,

Mark

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Über Jens

Fotograf (Journalismus, Dokumentation, Tiere, Kunst) & Aktivist Zeige alle Beiträge von Jens

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