Post aus dem Knast – Teil 1

Über Post aus dem Knast: Als erster Stuttgart 21 – Gegner hat Mark Pollmann vergangenen Freitag eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen angetreten. Er war wegen der Nordflügelbesetzung zum Protest gegen den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu 10 Tagessätzen verurteilt worden. Da er sich weder mit Geld noch mit Arbeitsstunden freikaufen wollte, musste er jetzt ins Gefängnis. Unter dem Titel „Post aus dem Knast“ veröffentlichen wir auf Blog NAU! sein Hafttagebuch, das er uns aus dem Gefängnis zuschickt. Bisher haben wir drei Briefe erhalten mit seinen Eindrücken von Freitag 25. bis Sonntag 27. Mai, die wir nach und nach abtippen werden. Wir nehmen keine redaktionellen Änderungen vor, außer dass wir den Text in Absätze gliedern.

25/5/2012 – Freitag – Beginn Knastaufenthalt

Nach einer Nacht mit gutem Schlaf, machte ich mich gegen 7:40h auf den Weg zum Nordausgang am ehemaligen Nordflügel, wo bereits einige, die mich verabschieden wollten, anwesend waren. Ich habe mich über die Anwesenden sehr gefreut und bekam einige Bücher geschenkt. Auch erste Interview-Anfragen beantwortete ich. Gegen 9 Uhr fuhren wir nach Rottenburg. Die im Auto anwesende StZ-Journalistin Frau Mayer interviewte mich während der Fahrt nach Rottenburg.

Auch in Rottenburg waren um 10h auf dem Marktplatz Mitstreiter unserer gemeinsamen Sache zugegen neben Journalisten und Kamerateams. Es hat mich unterstützt, dass so viele Menschen Anteil nehmen und die Wahl meiner Entscheidung zum Ableisten der Freiheitsstrafe gutheißen. Auch stand ich für Interviews und Bilder zur Verfügung – es war alles sehr öffentlich, für private Gespräche und Momente blieb kaum Zeit.

Als wir uns in Begleitung zweier Polizeibeamter mit Bannern und kleinem Demozug Richtung JVA in Bewegung setzten, beobachtete ich am Rande eine lauthals rufende Gruppe (3 oder 4) älterer Männer, die uns mit den üblichen Beschimpfungen (faules Pack usw.) angingen – ich ignorierte sie weitestgehend, nahm jedoch die Szene am Rande wahr. Vor der JVA: Verabschiedungen, letzte Fotos am Eingang, und nachdem ich den Justizbeamten Ausweis und Schreiben der Staatsanwaltschaft übergab, wurde das Rolltor aufgefahren, nach meinem Eintritt wieder geschlossen und ich war drin.

Nun begann die „Zeremonie“ für einen Knastaufenthalt, wie es wohl üblich ist. Nachdem ich meinen Rucksack zur Begutachtung den Beamten öffnete und am Körper abgetastet wurde, wurde ich durch ein zweites Tor begleitet zu einem Gebäude, in einen Raum, in dem mehrere Beamte mich und meine Sachen in Empfang nahmen. Ich wurde Einiges gefragt, u.a. weshalb ich hier sei und wie lange. Tenor: 10 Tage? Das lohnt sich ja gar nicht für den ganzen Aufwand. Wegen was? Und so weiter. Mein erster Eindruck: einige Beamte „solidarisierten“ sich auf eine Art mit mir, sagten, das sei kein Grund ins Gefängnis zu gehen, respektierten jedoch meine Entscheidung, die Freiheitsersatzstrafe zu wählen.

Nun wurde ich in einen anderen Raum geführt, wo ich mich komplett ausziehen mußte. meine Anziehsachen wurden in Aufbewahrung genommen, verbunden mit der Frage, ob ich sie gewaschen haben wollte für nach meiner Entlassung. Ich verneinte, da alles von einigen Stunden frisch angezogen war. Dann bekam ich die Dinge, die ich mit in die Zelle nehmen durfte: sämtliche Bücher und Schreibunterlagen einschließlich persönlicher Manuskripte, 10 Briefmarken (von den 20 wurden mir 10 erlaubt), dazu Zahnbürste und Nassrasierer (jeweils eingepackt in Originalverpackung). Ein Päckchen Tabac und Blättchen sowie Filter. Das angebrochene Päckchen und auch Feuerzeug sowie sämtliche andere Hygieneartikel durfte ich nicht mit rein nehmen.

Im Nebenraum wurde ich eingekleidet (mit 2 Seesäcken auch für die Kleidung / Handtücher für die ganze Woche; 7 Unterhosen / Unterhemden / Strümpfe; 2 Jeans, 3 Jeanshemden, Bettwäsche, dann mein Metalgeschirr usw.). Dann kam ich in eine Zelle mit drei Etagenbetten, wo bereits 3 weitere erst kürzlich (2 Tage) erst inhaftierte oder überführte Mitgefangene waren. Es war gerade Mittagszeit, ich lehnte jedoch erst mal ab und machte mir ein Bild von der neuen Umgebung und den Anwesenden. Zwei Männer etwa in meinem Alter (Ende 30 Anfang 40) und einen deutlich jüngeren (etwas Mitte zwanzig). Ich wurde freundlich aufgenommen, wie ich auch das ganze Procedere mit den Beamten als freundlich und korrekt empfand. Mir wurde gesagt, dass ich meine Sachen noch nicht auspacken soll, da ich in Kürze in eine andere Zelle käme, dies seien nur Zellen für Aufnahme. Der Blick aus dem Fenster reichte jenseits des Stacheldrahtes über Ausläufer des Rammert mit der Schwäbischen Alb im Hintergrund, die an diesem klaren wolkenlosen Tag sichtbar war. Sogar eine schöne Aussicht, wenn man den Stacheldraht im Vordergrund ignoriert.

Die Mitgefangenen standen mir bei meinen Fragen über Abläufe zur Verfügung, rauchen kann man in der Zelle und nach nur zwanzig Minuten öffnete sich die Tür und ein Beamter sagte: Herr Pollmann, Sie haben bereits Post – und überbrachte mir 6 Postkarten, die mir Menschen, die sich mit mir solidarisieren, bereits am Tag vor meinem Antritt der Freiheitsersatzstrafe geschrieben hatten und die mich also bereits am nächsten Tag erreichten in den Zelle. Wow! Habe mich riesig gefreut- und schon waren wir mitten in einer angeregten Diskussion über Stuttgart 21, die dahinter stehende wirtschaftspolitische Diskussion der Korruption und Erfolgschancen der Occupy/Blockupy-Bewegung samt Einschätzung, ob Kretschmann und Hermann die eigenen Ziele verraten haben und wenn ja, reiner politischer Opportunismus die Ursache sei. Interessant.

Nach einer weiteren Stunde wurden zwei der Mitgefangenen zusammen auf ein anderes Zimmer verlegt. Ich hatte dem einen, der keinen Tabak mehr hatte, angeboten, sich von mir Zigaretten zu drehen, dafür hat er mir sein Feierzeug geschenkt, da ich und mein Zimmer-Kollege keines hatten. Habe mich gefreut! Nachdem die anderen zwei gegangen waren, fragten uns Justizbeamte, ob mein Mitgefangener und ich uns vorstellen können, die nächsten Tage in einer Zweierzelle zusammen zu verbringen, was wir bejahten und nach kurzer Zeit in die neue Zelle gebracht wurden. Ein ca. 12-14 Quadratmeter-Raum mit einem Etagenbett auf der rechten Seite, Tisch, zwei Stühlen, Wandregal mit Fernseher, Schrank, Waschbecken und angegliederter Toilette mit Tür, die sich schließen, aber nicht abschließen lässt. Wir sind in Haus 8 Zelle 05 – dem Neubautrakt also. Das normale Fenster (vergitter) lässt sich auf einen kleinen, etwa 25 cm breiten Flügel öffnen, wir lassen es Tag und Nacht auf. Das Zimmer ist sauber und wir richten uns ein für die kommenden Tage.

Mein Mithäftling ist wegen einer nicht gezahlten Harz 4 Rückzahlung seit Mittwoch im Knast und kommt bereits in 4-5 Tagen wieder raus. Er ist mir sympathisch, ursprünglich algerischer Abstammung, lebendig und, wie ich bereits nach kurzer Zeit feststelle, an dieser interessanten Nahtstelle zwischen Genie und Wahnsinn.  Spirituell, politisch interessiert, auch in technischer Hinsicht hoch intelligent (hat mehrere Patente angemeldet), redselig. Wir unterhalten uns zeitweise auf Französisch, auch über politische Systeme und Fluch und Segen von Weltreligionen. Er bringt mir das arabische Alphabet bei, das ich nicht kann, aber von der Schriftsicht als sehr schön empfinde. Es wird von rechts nach links geschrieben. Wir teilen alles. Es ist ein Segen, dass ich so viel Schreibmaterial mitgebracht habe und Stifte (auch farbige). Er zeichnet sehr gut. Und kanalisiert mit dem Schreiben auch seinen unbändigen Mitteilungs- und Kommunikationsdrang, so dass ich am Manuskript arbeiten und lesen kann, während er dann auch Alternativen zum Geblubber im Fernsehen hat.

Gestern wurde (es ist nun der frühe Pfingstsamstag, an dem ich schreibe) ich auch von einem Arzt kurz untersucht und befragt – statt meinem Lavera-Lippenbalsam (durfte nicht mit rein) bekam ich stattdessen Bepanthen-Salbe als Ersatz – tut es glaube ich auch. Ich informierten den Arzt über mein begonnenes lockeres Heilfasten – er war zwar nicht begeistert, klärte ab, dass es kein Hungerstreik ist, und gut war. Ach so, Blutdruck 130:80 – war ja seit 1999 nicht mehr beim Arzt, jetzt weiß ich das also auch. Hatte wegen Rauchen mit mehr gerechnet.

Danach wurde ich in das Zimmer der Justizbeamten gebeten wegen einiger Angaben. Dort sagte man mir, dass bisher noch jedem, der die Ersatzfreiheitsstrafe wählt, das Recht zustehe, die Halbierung der Tagessätze zu erwirken und legten mir ein diesbezügliches Schreiben vor, dass ich nach 5 Tagen entlassen würde. Ich sagte den Beamten, ich sei zu 10 Tagessätzen verurteilt und respektiere natürlich diese Entscheidung. Ich verweigerte die Unterschrift. Dann Schweigen im Raum.

Dann Diskussion über Sinn und Unsinn der Strafverfahren gegen S21 (ich beteiligte mich nicht, beobachtete nur und hörte hin – hochspannend! Es sind Justizbeamte!), wollten von mir wissen, ob denn der Fahrer des Wasserwerfers, der den alten Mann blind geschossen hat, endlich verurteilt wurde, worauf ich sagte, meines Wissens nein. Dann sagten sie, sie respektierten und hätten Achtung davor (Anmerkung JVS: vor seiner Entscheidung). Sie sagten mir zudem, wenn ich meine Entlassung nach fünf Tagen ablehne, müsste ich auf dem Schreiben widersprechen. Ich widersprach schriftlich und mit Unterschrift zwei Mal, gefolgt von dem Kommentar, sie hätten noch nicht erlebt, dass jemand dem widerspricht, gefolgt von dem Kommentar, dass sie Respekt vor der Entscheidung hätten. Auf dem Weg zurück zur Zelle, sagte mir der Beamte, ich hätte hier im Gefängnis eigentlich nichts verloren, doch er müsse jeden gleich behandeln. Ich habe ihn gebeten, mich genau so zu behandelt wie jeden anderen Gefangenen auch.

So, das war’s vom ersten Tag, everything is fine in Zelle 05 JVA-Rottenburg.

Cheers,

Mark

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Polyphasisch schlafende Soziologin aus Stuttgart Zeige alle Beiträge von Julia

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