Niemand soll behaupten können, sie/er hätte davon nichts gewusst! Oder: Ein Auftritt bei KenFm passiert nicht versehentlich.

Nachdem Winfried Wolf auf der 400. Montagsdemo gegen S21 eine Rede gehalten hat, obwohl sein Auftritt bei KenFm noch nicht abschließen geklärt ist, soll das hier nicht unkommentiert hingenommen werden.

Im Parkschützer-Forum ist Wolfs bisher letztes Statement dazu (bei 21.12.2017 um 07:17) nachzulesen. Was er als Rechtfertigung schreibt, klingt erstmal bestenfalls sehr naiv, am Ende werden dann die Antisemitismus-Keule und Ausgrenzung (Hallo?! Es geht hier um Ausgrenzung von Rechten!) bemängelt. Eine Distanzierung von rechter Ideologie und Antisemitismus sieht anders aus. Lieber Winfried Wolf, es macht eben doch einen Unterschied, woher die „100.000 Klicks“ kommen. Besonders, wenn es sich dabei um Rechte oder Antisemiten handelt. Oder eben um Menschen, die sich von diesen nicht entschieden distanzieren können/wollen. Diese Hintergründe (also der tatsächliche Unterschied zwischen links und rechts!) kann man nicht einfach als unbedeutend ausblenden und behaupten, es ginge doch nur um die Sache, um den Protest gegen S21, in diesem Fall. Mir geht es hier nicht um reflexhaftes Moralisieren oder um Vorverurteilungen. Deshalb folgt eine kleine Linksammlung zu Pedram Shahyar und Ken Jebsen mit Belegen zu ihrer Nähe zu rechten Zusammenschlüssen und Antisemitismus:

Pedram Shahyar

Ehemals attac ist selbst durch seine Nähe zur Querfront und seinem Engagement bei Veranstaltungen der rechtsoffenen „Montagsmahnwachen“ aufgefallen.

Aktiv schon 2014 bei den „Montagsmahnwachen“, wo Verschwörungstheorien und Antisemitismus propagiert werden, bei der auch Mitglieder der Linkspartei auftreten

https://rechtsaussen.berlin/2015/06/nicht-zu-unterschaetzen-montagsmahnwachen-fuer-den-frieden/

Hier wird diskutiert, wie Pedram Shahyar bestreitet, dass es eine Querfrontstrategie gibt: https://genfmblog.wordpress.com/2015/07/15/pedram-shahyar-und-die-querfront/

VVN-BdA über die Montagsmahnwachen (zitiert nach https://genfmblog.wordpress.com): »Querfront-Strategie zeichnet sich in der Praxis aus durch Konzentration auf ein Ziel, das angeblich „ideologiefrei“ durch breite Mobilisierung „nicht links, nicht rechts, sondern vorwärts“ (J. Elsässer) verfolgt wird. Dem entspricht z. B. der Verhaltenscode, dass keine Erkennungszeichen von Organisationen bei „Montagsmahnwachen“ gezeigt werden dürfen. Inhaltlich wird dies durch die platte Art von „Kapitalismus“- und „Imperialismus“-Kritik deutlich, die immer dort auftaucht, wo Rechte versuchen, linke Themen zu besetzen. Statt Analyse komplexer Zusammenhänge geht es da um simple antiamerikanische Ressentiments und undifferenzierte Pro-Russland-Haltung, die Ablehnung des „Zinssystems“, das angeblich den Kern des Kapitalismus ausmacht und – seit Beginn des jüngsten Gaza-Krieges – um einseitige Israel-Schelte. Dazu kommen eine allgemeine „Eliten“-Kritik mit Schwerpunkt auf Banken, Politiker und Medien, die – direkt oder indirekt – als Teile einer Verschwörung dargestellt werden«.

Ideologische Überschneidungen der Montagsmahnwachen, Pegida und AfD und ihr gemeinsames Feindbild von USA, Isral, NATO u.a.:

https://rechtsaussen.berlin/2015/06/nicht-zu-unterschaetzen-montagsmahnwachen-fuer-den-frieden/

Später, ab 2016, engagiert sich Pedram Shahyar bei der Stopp-Ramstein-Kampagne, die ebenso rechtsoffen ist:

https://de.indymedia.org/node/9467

Ken Jebsen

[UPDATE 19.2.2018

Hier war ein Video über den sogenannten Zionismus verlinkt, das bis vor kurzem auf dem Videokanal von KenFm zu finden war, nun wurde es dort entfernt. Das Video und auch Artikel darüber sind allerdings noch im Internet zu finden.]

Und hier ein Artikel zum sekundären Antisemitismus erklärt am Beispiel Ken Jebsen auf Friedensdemowatch: https://www.facebook.com/friedensdemowatch/posts/761966503857608:0

Analyse&kritik: Warum ist Ken Jebsens Populismus auch bei Linken beliebt?

https://www.akweb.de/ak_s/ak610/48.htm

Ken Jebsen – ausführliche Jebsen-Zitate-Sammlung und deren Analyse (auch über das verschwundene YouTube-Video):

https://www.jungewelt.de/artikel/323566.kens-welt.html

[UPDATE 6.3.18: Mittlerweile hat W. Wolf einen Text auf bei-abriss-aufstand.de veröffentlichen lassen, anbei meine Erwiderung aus den Kommentaren unter diesem Artikel:]

Jetzt komme ich zu den sehr langen Rechtfertigungen von W. Wolf, die Matthias von Herrmann auch noch komplett auf http://www.beiabrissaufstand.de eingestellt hatte:

1. wundert es mich sehr, dass W. Wolf anscheinend nicht in der Lage ist, diese Diskussion auf einer sachlichen Ebene zu führen, sondern gleich mit persönlichen Unterstellungen antwortet, die zudem noch erfunden sind. Z.B. schreibt Wolf: „Ach ja, das machst Du nicht, weil die bürgerliche Justiz auch böse-böse ist? Das leuchtet mit [sic!] nicht ein.“ Ich frage mich, woher er meine Einstellung zur Justiz zu kennen glaubt. Von Schwarz-Weiß-Denken bzw. Gut-Böse-Denken halte ich übrigens nicht viel.

2. gibt W. Wolf mir den Ratschlag, Ken Jebsen persönlich zu schreiben und fordert mich auf, diesem meine Adresse mitzuteilen. Anschließend droht er mir damit, dass Ken Jebsen mich verklagen würde. W. Wolf schreibt: „Aber vielleicht hilft Dir das Folgende: Schreib doch einfach an Ken Jebsen direkt, dass er Antisemit sei. Und nenne dazu offen Deinen Namen und Deine Adresse. Ich kann mir gut vorstellen, dass Du dann einen Verleumdungsprozess am Hals hast, der sich gewaschen hat[…]“ Es ist schon seltsam, dass Wolf meint, mir würde es helfen, wenn Ken Jebsen mich anzeigt oder meine Adresse kennt. Das klingt für mich jedenfalls nicht nach solidarischer Bürgerbewegung, sondern liest sich eher wie eine Drohung.

3. hat er seine Antwort nicht nur an mich, sondern zusätzlich direkt an meinen vermeintlichen Arbeitgeber geschickt – kein guter Stil. Ich frage mich, was er damit bezwecken will.

4. schreibt Wolf in seiner Rechtfertigung lange über die Biographie von Rolf Verleger und dass dieser auch schon von Ken Jebsen interviewt wurde. Dann gibt er mir dann den Tipp: „Vielleicht solltest Du Dich an ihn – an Rolf Verleger – wenden. Und ihn des Antisemitismus, der Querfrontlerei bezichtigen.“ Mir ist nicht klar, was das mit meiner Kritik an Wolfs KenFM-Interview zu tun. Hier übrigens ein etwas älterer Artikel über Rolf Verleger: Kritischer Jude vom Dienst – Die mediale Karriere des Professors Rolf Verleger

5. mit dem Vorwurf der berühmt-berüchtigten „Antisemitismus-Keule“ befindet er sich schon in spezieller Gesellschaft. Sobald man antisemitische Äußerungen kritisiert, wird einem eben diese Keule vorgeworfen. Doch was bedeutet dieser Vorwurf eigentlich? Dazu schreiben Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz in Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 2013. [gefunden im GenFM-Blog]:

Vgl. etwa Schlagzeilen wie „Darf man Israel kritisieren?“ oder „Wie viel Kritik an Israel ist Deutschen erlaubt?“ sowie diverse ähnliche Varianten, die in Printmedien, Rundfunk- Fernsehsendungen regelmäßig benutzt werden. Solche Sprachstrukturen unterstellen aufgrund ihrer semantischen Information, es gebe ein Meinungsdiktat und eine Tabuisierung. Dadurch wird de facto etwas nicht Existierendes sprachlich geradezu heraufbeschworen. Ähnlich verhält es sich mit der Metapher „Antisemitismuskeule“, die impliziert, Israel-Kritikern würde stets der Antisemitismusvorwurf gemacht, obgleich der Vorwurf immer nur dann erhoben wird, wenn tatsächlich eine antisemitische Äußerung produziert wurde. Fragen und Behauptungen dieser Art werden keineswegs aus naiver Dummheit oder Unkenntnis geäußert, vielmehr dienen sie den Medien als populistische Aufmerksamkeitsverstärker. Antisemiten inszenieren ihre Kritik an Israel dagegen kalkuliert als Tabubruch, um sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus immun zu machen. Die Kritik dient so der Ablenkung von ihrer judenfeindlichen Einstellung und zugleich der Delegitimierung ihrer Kritiker.

6. last, not least – sorry not sorry: Was nach all dem überhaupt noch an Argumentation übrigbleibt, kann mich nicht annähernd davon überzeugen, warum es OK sein sollte, mit Menschen gemeinsame Sache zu machen, die immer wieder in der Nähe von rechtem, antisemitischen Gedankengut zu verorten sind.

Dass W. Wolf Unwahrheiten über mich verbreitet, meinen Arbeitgeber kontaktiert, mir mit einer Klage von Ken Jebsen droht und mich auch noch dazu auffordert diesem meine Adresse offen mitzuteilen, nur um seinen eigenen KenFM-Auftritt zu verteidigen, das ist nicht korrekt.

Hier geht es nämlich nicht um eine persönliche Auseinandersetzung, sondern darum, antisemitische und rechte Tendenzen und die Nähe hierzu zu kritisieren und sich davon klar abzugrenzen. Hier wünsche ich mir eine differenziertere Auseinandersetzung, besonders auch in der Bewegung gegen S21.

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Neues von „untergetauchten“ AfD-Sympathisanten, Rechten und Verschwörungstheoretikern

Zuletzt war es ruhig geworden um Jens Loewe nachdem er als Unterstützer der AfD geoutet und seine Nähe zu Strukturen der, mittlerweile aufgelösten, rechten Psycho-Polit-Sekte VPM veröffentlicht wurden [siehe „Schweigespirale“, Lippenbekenntnisse und die Bewegung gegen S21 und Gastbeitrag: Gedanken nach einer Veranstaltung mit Jens Loewe über die Zusammenarbeit mit der AfD]. Auch seine Homepage http://www.jens-loewe.de ist inaktiv.

Der OB-Kandidat und AfD-Unterstützer wird Investor

Nur im Jahr 2014 stand der ehemalige Stuttgarter OB-Kandidat mit dem Kauf des Gemeindehauses in der Schwarenbergstraße in Stuttgart Ost wieder in der Öffentlichkeit [StN online, 23. Dezember 2014]. Im Artikel der StN wird Loewe als Investor bezeichnet, woher das Geld für den Kauf der Immobilie stammt, bleibt allerdings offen. Das Haus wolle er für Kulturveranstaltungen und politische Diskussionen nutzen. Mit „Ich bin immer da, wo gestritten wird“ und „Ich bleibe politisch“ wird er zitiert. Doch die Veranstaltungen im Gemeindehaus werden nicht wie damals, als sich Loewe noch offen in den Kreisen der S21-Gegner bewegte, groß beworben.

„Asylanten als Invasoren“ und „Vernichtung der Christen und weißen Rasse“ – rechter Verschwörungstheoretiker spricht im Gemeindehaus Schwarenberg

Neben Tanzkursen ist das Gemeindehaus Schwarenberg Treffpunkt für den Runden Tisch Stuttgart [www.rt-stuttgart.org/index.php], einem Vernetzungstreffen, das mit öffentlichen politischen Richtungsstatements zurückhaltend ist. Das ist auch gar nicht notwendig, denn ihr aktuellster Referent hat sich umso klarer positioniert: „geplante Umvolkung der BRD“, die „strategisch manipulierte Migration als Kriegswaffe“, „Asylanten als Invasoren“, „geplanten Vernichtung der Christen und weißen Rasse“. So lauten die Themen von Gerhard E. Föll [StZ online, 08. Januar 2016], der am 9. September für den Runden Tisch Stuttgart [www.rt-stuttgart.org/index.php/kommende-veranstaltungen] in Jens Loewes Gemeindehaus über das Überleben in Krisenzeiten sprechen soll und dabei „brisante Hintergrundinformationen mit Daten und Fakten über neue bundesweit vorbereitete Maßnahmen und die militärisch vorgeplante politische Lage nach der Bundestagswahl mitteilen“ wird [Screenshot Veranstaltungshinweis]. Und so schließt sich der Kreis.

Über Jens Loewe

Der ehemalige Stuttgarter OB-Kandidat Jens Loewe war am 06.01.2014 Hauptredner der Stuttgarter AfD bei ihrem „Alternativen Dreikönigstreffen“ (siehe pdf: Einladung_Dreikoenig_2014). Schon in der Vergangenheit war er durch seine Mitarbeit beim Europäischen Arbeitsgemeinschaft Mut zur Ethik aufgefallen, einem Vernetzungstreffen mit Nähe zur mittlerweile aufgelösten rechten Psycho-Polit-Sekte VPM. In seiner Kurzbiographie bezeichnet er sich als Mitarbeiter und Referent der Mut-zur-Ethik-Konferenz. Auch mit dem Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretiker Christoph Hörstel (Compact-Autor, Gründer der Partei „Neue Mitte“, die er verließ und die Partei „Deutsche Mitte“ gründete) ist Jens Loewe vernetzt. Die beiden kennen sich von der Mut-zur-Ethik-Konferenz (vgl. Äußerung Loewes in der Anmoderation zur Veranstaltung Medienkrise & S21 mit Hörstel, siehe Youtube-Video von Cams21).

Auf die Straße gegen Rechts! Demo gegen die AfD

„Am 23. September 2017, einen Tag vor der Wahl, werden wir auf Stuttgarts Straßen zeigen, dass wir den gesellschaftlichen Rechtsruck nicht unwidersprochen hinnehmen. Spaltung und rechte Hetze sind keine Lösung für soziale Probleme – im Gegenteil. Nur gemeinsam können wir ein solidarisches Miteinander gestalten und so den plumpen Phrasen von Rechts etwas entgegen setzen.“

Weitere Informationen bei Stuttgart gegen Rechts.

Demo: NEIN ZUR AFD! Auf die Straße gegen Rechts!
Samstag, 23.09.2017 um 13:00h, Stauffenbergplatz (am Karlsplatz)


S21: Scheitern als Chance erkennen. Endlich Genugtuung vor Gericht. Doch was bringt das der Bewegung? + Erwiderung

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Am 19. November 2015, fünf Jahre nach Prozessbeginn, stellte das Stuttgarter Verwaltungsgericht fest, dass der brutale Polizeieinsatz gegen GegnerInnen des Großprojekts Stuttgart 21 am 30. September 2010 rechtswidrig war. Was bringt dieses Urteil der nach wie vor aktiven sozialen Bewegung gegen S21? Für die GWR analysieren die AktivistInnen Julia von Staden und Peter Grottian. (GWR-Red.)

Stuttgart am 30.9.2010: Tausende S21-Gegner_innen versammeln sich im Stuttgarter Schlossgarten, um gegen anstehende Baumfällungen in der kommenden Nacht zu protestieren.

Die Polizei geht in ihrem desolaten Einsatz äußerst brutal gegen die Demonstrant_innen vor: Sie setzen massiv Schlagstöcke, Pfefferspray und vier Wasserwerfer ein. Jugendliche suchen unter Plastikplanen Schutz vor dem harten Strahl der Wasserwerfer. Der aus den Augen blutende Dietrich Wagner stützt sich auf zwei Demonstranten, die ihn aus dem Gefahrenbereich führen. Polizisten prügeln wahllos in die Menge, sprühen Pfefferspray in die Gesichter derjenigen, die einfach nur vor ihnen stehen.

Über 400 Demonstrant_innen werden verletzt, teilweise schwer. Es gibt Augenverletzungen bis zur Blindheit, Rippenbrüche, Platzwunden und Prellungen. Die Bilder von der Polizeigewalt aus dem beschaulichen Stuttgart gehen um die Welt. Obwohl noch in der Nacht fast dreißig teils sehr alte Bäume gefällt werden, geht die Bewegung gegen das unnütze Bahn- und Immobilienprojekt Stuttgart 21 aus dieser schlimmen Auseinandersetzung gestärkt hervor. Ein Aus von S21 scheint greifbar nahe.

Es folgt ein „Faktencheck“, bei dem S21-Befürworter_innen und S21-Gegner_innen unter Moderation von Heiner Geißler (CDU) dem bundesweiten TV-Publikum Vor- und Nachteile von S21 präsentieren. Im Jahr 2011 kommt mit Winfried Kretschmann ein grüner Ministerpräsident an die Regierung.

Seit 2013 ist mit Fritz Kuhn auch ein Grüner als Oberbürgermeister Stuttgarts im Amt. Beides erklärte S21-Gegner – vor den Wahlen. Dass dadurch der Stopp von S21 irgendwie näher gekommen wäre? Fehlanzeige. weiterlesen


[Update: 8.2.16]: Zur aktuellen Situation der eingeschlossenen Schwerverletzten in Cizîr/Nordkurdistan

[Update: 08.02.2016]: Schwere Angriffe türkischer Truppen auf die beiden Gebäude, in denen seit Tagen zahlreiche Verletzte eingeschlossen sind. Türkische Medien berichten zunächst von 60 Toten in Cizîr nach einem Angriff türkischer Einheiten. In einem Keller wurden bis zu 30 völlig ausgebrannte Leichname entdeckt worden seien.

[Update: 06.02.2016]: Ein Sechzehnjähriger wurde gestern von türkischen Einheiten erschossen, nachdem er kurzzeitig das Gebäude verlassen hatte, in dem vor zwei Tagen 37 weitere Menschen eingeschlossen wurden. Somit sind 17 Menschen durch die Belagerung des türkischen Militärs und der türkischen Polizei in Cizîr gestorben. Rettungskräften wird weiterhin ein Zugang zu den teils schwerverletzten Eingeschlossenen verwehrt. Dies begründen die türkischen Einheiten mit den anhaltenden Gefechten. Allerdings sind nach Angaben der Zivilverteidigungseinheiten (YPS) keine ihrer Einheiten in dem Gebiet in Cizîr eingesetzt und es gäbe dort demnach auch seit zwei Wochen keine Kämpfe.

[Update: 05.02.2016]: Seit nun 6 Tagen gibt es keinen Kontakt zu den 24 eingeschlossenen Menschen Cizîr. Nach den letzten Meldungen sind 15 von ihnen verletzt; 7 Menschen sind bereits gestorben, da türkisches Militär und Polizei keine Rettungskräfte zum Gebäude durchlassen. Gestern wurden weitere 37 Menschen, die in einem Gebäude in der selben Nachbarschaft Schutz vor den Angriffen suchten, eingeschlossen. Bombardierungen des türkischen Militärs setzten das Gebäude in Brand. Löschfahrzeugen wurde auch hier die Zufahrt durch türkische Einheiten verwehrt, 9 Menschen starben in den Flammen. Einige der Überlebenden haben schwere Brandwunden erlitten und werden kaum die nächsten Tage überleben, sollten sie keine Versorgung durch Rettungskräfte erhalten. Augenzeugen berichten, dass der Beschuss mit Mörsergranaten anhält und das türkische Militär vor dem Gebäude patrolliert.

Kein Lebenszeichen seit vier Tagen – 19 Schwerverletzte eingeschlossenen in Kellerräumen – Türkischer Innenminister Efkan Ala: „Das Säubern von Gräben und Löchern und die Beseitigung von Minen ist zu 99 Prozent abgeschlossen.“


Seit vier Tagen gibt es kein Lebenszeichen der eingeschlossen Menschen, die sich mutmaßlich noch im Keller eines seit zwölf Tagen vom türkischen Militär belagerten Wohnhauses in Cizîr (Cizre), Provinz Şirnex (Şırnak) in Nordkurdistan (im Südosten der Türkei) befinden. Am 22. Januar wurde das Wohngebäude mit Mörsergranaten durch das türkische Militär angegriffen. Berichten zufolge sollen dabei 28 Menschen im Keller des Gebäudes eingeschlossen worden sein, 19 wurden dabei schwer verletzt. Mindestens sieben Opfer sind an ihren Verletzungen bereits gestorben, da eine medizinische Versorgung durch „türkische Sicherheitskräfte“ verhindert worden sei; Krankenwagen wurden wiederholt aufgehalten. Das Gebäude steht seither regelmäßig unter Raketenbeschuss. Dadurch wurde mittlerweile das zweite und dritte Stockwerk des Gebäudes zum Einsturz gebracht.

Wurden die Eingeschlossen hingerichtet?

Nun sind Bilder von AKP-nahen Twitteraccounts aufgetaucht, die acht augenscheinlich hingerichtete Menschen zeigen und Vermutungen aufkommen lassen, dass die Eingeschlossen hingerichtet wurden. Bereits am Montag, 01.02.2016, waren in den Straßen von Cizîr sechs Leichname entdeckt worden, deren Autopsie noch nicht abgeschlossen sei. Berichten zufolge seien zwei der Leichname komplett verbrannt gewesen.

UN mahnen: fundamentale Rechte von Zivilisten wahren

Der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein hatte am Montag, 01.02.2016, die Türkei aufgefordert, fundamentale Rechte von Zivilisten in Cizîr zu beachten. Anlass war ein Video, das unbewaffnete Zivilisten zeige, die beim Transport von Toten über eine Straße beschossen würden. Gefilmt wurde das Video von Refik Tekin, der selbst verletzt worden sei. Ihm drohe laut Medienberichten eine Haftstrafe. weiterlesen


Grausam aus wissenschaftlicher Neugier

20141220-_DSC9981Tübingen. Knapp 1000 Menschen demonstrierten am Samstag, 20. Dezember 2014, gegen Tierversuche am Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik in Tübingen. Dort wird an Rhesus- und Javaneraffen sogenannte Grundlagenforschung betrieben. Diese wird oft als “zweckfreie Forschung” bezeichnet, da sie nur ein Ziel hat: die Befriedigung wissenschaftlicher Neugier. Es war die dritte Demonstration dieser Art.

Die Demonstrierenden forderten einen sofortigen Stopp der Tierversuche. Tausende hatten in diesem Jahr bereits am 20. September in Tübingen und am 25. Oktober in Stuttgart gegen sie protestiert.

 

Wie die Tat eines James Bond-Bösewicht

Bei der Auftaktkundgebung an der Neuen Aula kritisiert der Tierrechtsaktivist Thomas Laschyk die Rechtfertigungen des MPI für die brutalen Tierversuche:

Thomas Laschyk

Thomas Laschyk

„Wir stehen heute hier zu einem Zweck. […] Weil hier in Tübingen, doch auch überall anders auf der ganzen Welt unschuldige Lebewesen täglich zu tausenden gefoltert werden. Was nach der Tat eines James Bond-Bösewichtsklingt, ist staatlich geförderte, institutionelle Praktik.Sie sagen uns, dass der medizinische Fortschritt nur damit möglich ist. Mit Tierversuchen. Dass für jeden toten Affen hier im Labor anderswo ein Mensch leben kann. Doch sie lügen! Sie tun das für Geld. Sie tun das für die Karriere.“

Tatsächlich dienen 40 Prozent der in Deutschland durchgeführten Tierversuche der Grundlagenforschung¹. Das bedeutet, dass daraus wenig bis gar keine Erkenntnisse über Krankheiten oder Therapieformen gewonnen werden, die in irgendeiner Weise Menschenleben retten würden. 20141220-_DSC0280Der Auftaktkundgebung folgte ein Demozug bis direkt vor die Tore des MPI. Mitarbeiter des Institutes waren nicht vor Ort. Nach Angaben des Vereins SOKO Tierschutz, dem Veranstalter der Demo, wurde den Mitarbeitern für diesen Tag frei gegeben, um sie vor der berechtigten Kritik an ihrer täglichen Arbeit zu schützen. Statt dessen wurde das Gelände durch dutzende Sicherheitsleute und PolizistInnen bevölkert.

 

Profilierung durch Tierquälerei

Luci Braun, Ärzte gegen Tierversuche

Luci Braun, Ärzte gegen Tierversuche

Auf der Abschlusskundgebung direkt vor dem MPI spricht Lucie Braun von den Ärzten gegen Tierversuche: „Die einzigen Nutznießer sind die Experimentatoren selbst, die sich mit einer langen Liste von Artikeln in Fachzeitschriften profilieren und Forschungsgelder einstreichen.“ Auch sei die heutige Wissenschaft schon so weit fortgeschritten, dass Versuche an Tieren, die der Erforschung von Therapien und Medikamenten dienen, durch in-vitro Methoden, also Forschung außerhalb des lebenden Organismus zum Beispiel im Reagenzglas, ersetzbar sind.

Heiko Weber von Ariwa (Animal Rights Watch)

Heiko Weber von Ariwa (Animal Rights Watch)

Als weiterer Redner der Abschlusskundgebung schlug Heiko Weber von Ariwa (Animal Rights Watch) den Bogen zu anderen Auswüchsen von Tierausbeutung: „In Deutschland werden pro Jahr zirka zwölf Milliarden Tiere von Menschen gegessen – davon mehr als elf Milliarden Fische.“ Im Vergleich zu dieser horrend hohen Zahl mache die Anzahl der Tiere für Tierversuche nur 0,00025 Prozent aus. Dennoch stellt Heiko Weber fest: „Tiere sind keine Zahlen, Tiere sind keine Dinge, Tiere sind keine Versuchsobjekte und Tiere sind auch keine Nahrungsmittelquelle für Menschen – Tiere sind Individuen, und es gibt keinen vernünftigen Grund, wieso wir Menschen andere Tiere benutzen und töten sollten.“

Menschenkette und Mahnwache vor dem MPI

20141220-_DSC0678Mit einer Menschenkette um das MPI unterstrichen die DemonstrantInnen ihre Forderungen nach einem Ende der Misshandlungen und des Ausnutzens von Tieren. Sie verlangten einen sofortigen Stopp sämtlicher Versuche an Tieren und das Umdenken der Forscherinnen. Sie sollten endlich eine zeitgemäße und ethisch vertretbare Forschung betreiben. Anschließend hielten einige Dutzend DemonstrantInnen eine Mahnwache vor dem MPI für alle Tiere ab, denen ein qualvolles Leben – in den meisten Fällen bis zum Tod – aufgezwungen wird.

 

Filmaufnahmen belegen beispiellose Grausamkeiten

Die Demonstration war Teil einer größeren Tierrechtskampagne. Den Anstoß zu dieser Kampagne machten TierschützerInnen des Vereins SOKO Tierschutz. Dessen Mitbegründer Friedrich Mölln stellte die Ergebnisse einer sechsmonatigen Undercoverrecherche am MPI am 10. September diesen Jahres bei Stern TV vor: Pawel (Name geändert), ein als Tierpfleger getarnter Tierschützer, machte über sechs Monate mit versteckter Kamera Videoaufnahmen von den Versuchen und dem Zustand der Affen innerhalb des MPI. Die Aufnahmen zeigen unter anderem verstörte, mit offenen Wunden blutende und sich erbrechende Affen in ihren Käfigen – ebenso, wie sie für Versuche, durch Wasserentzug gefügig gemacht, in den sogenannten Primatenstuhl gezwungen werden. Dort müssen sie mit Hilfe einer im Kopf fest implantierten Vorrichtung stundenlang fixiert ausharren. Diese deutlichen, in ihrer Grausamkeit bisher noch nicht dagewesenen Filmaufnahmen lösten eine Welle der Entrüstung aus.

 

Informationsfreiheitsgesetz und Verbandsklagerecht gefordert

Politik und Behörden reagieren laut Friedrich Mölln, wenn sie überhaupt reagieren, trotz der Veröffentlichung dieser rechtswidrigen Praktiken viel zu zurückhaltend und langsam:

20141220-_DSC0381

Friedrich Mölln, SOKO Tierschutz e.V.

„Die Landesregierung muss den BürgerInnen und den Organisationen endlich die Mittel in die Hand geben, die in vielen Ländern der Welt und auch in Teilen Deutschlands längst selbstverständlich sind. Aber ohne Informationsfreiheitsgesetz und Verbandsklagerecht ist der bürgerliche Protest auch weiterhin von Informationen und Klage ausgesperrt.“

Nähere Informationen über die Recherche von SOKO Tierschutz e.V., den aktuellen Stand der Dinge und Ankündigungen zu weiteren Aktionen: http://www.soko-tierschutz.org/de/tierversuche-tuebingen.html

¹Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Versuchstierzahlen 2013 (zuletzt gesichtet am 21.12.2014)


Wiederbesetzung geglückt! 3-facher Erfolg im Hambacher Forst

Heute sind gleich an drei verschiedenen Stellen Waldbesetzungen im Hambacher Forst erfolgreich eingerichtet worden. Schon vor der Demo von Buir nach Morschenich heute Nachmittag begannen Aktivisten, den Hambacher Forst wieder zu besetzen. Während der Demo gelang es offenbar zusätzlich, die Kohlebahn kurzzeitig zu blockieren. Im Anschluss an die Demo wurden die Besetzungen dann weiter ausgebaut. Die RWE-Sicherheitskräfte sind mit der Situation überfordert und lassen die Aktivisten gewähren, die Polizei hat sich momentan zurückgezogen. Für die Aktivisten ist die Wiederbesetzung ein großer Erfolg: „Mit so vielen entschlossenen Waldbesetzern haben sie hier einfach nicht gerecht!“ heißt es. Dass die Polizei sonst zahlenmäßig auf mehr eingestellt ist, zeigt ein Video vom 23. April 2014. Hier wird die Zerstörung zweier Komposttoiletten der Besetzung vom Hambacher Forst von einem polizeilichen Großaufgebot durchgesetzt.

Weitere Infos im Ticker der Wiederbesetzung: TICKER – Wiederbesetzung HF – 26.04.2014

Eine Pressemitteilung wird voraussichtlich gegen später auf der Kampagnen-Seite Seite www.ausgeco2hlt.de veröffentlicht.


Gastbeitrag: Gedanken nach einer Veranstaltung mit Jens Loewe über die Zusammenarbeit mit der AfD

Nach Veröffentlichung unseres Artikels “Schweigespirale”, Lippenbekenntnisse und die Bewegung gegen S21 gab es eine Diskussionsrunde zur Zusammenarbeit von Jens Loewe mit der AfD, zu der im Parkschützerforum eingeladen worden war und an der etwa 12 Personen teilnahmen. Folgenden Gastbeitrag hat Janka Kluge, Landessprecherin VVN-BdA Baden-Württemberg, nach der Veranstaltung verfasst.

Nach der Veranstaltung im Forum 3 mit Jens Loewe sind mir die Argumente der Anwesenden noch lange durch den Kopf gegangen. Ich hatte und habe das Gefühl nicht ausreichend auf sie eingegangen zu sein, da sich das Gespräch zu einem großen Teil zu einem Dialog zwischen Jens und mir entwickelte. Auf die Argumente von Jens, warum er bei der AfD gesprochen hat und es wieder tun würde möchte ich hier nicht eingehen. Es erscheint mir aber wichtig die Gedanken der anderen Teilnehmer noch einmal aufzunehmen.
Folgende Argumente sind mir in Erinnerung geblieben:

Die Bewegung gegen Stuttgart 21 hat mit Politik nichts zu tun.

Weder die Bewegung gegen Stuttgart 21, noch sonst eine andere politische Bewegung, ist unpolitisch. Allein das Auftreten und die Demonstrationen gegen den geplanten Bahnhof sind und waren politisch. Gemeint war mit der Äußerung wahrscheinlich parteipolitisch. Viele NGO´s, Initiativen und Vereine mischen sich ein und haben politische Forderungen und sind dadurch ein Teil der politischen Landschaft.

Wir wollen niemanden ausgrenzen und keine Gesichtskontrolle, alle sollen mitmachen können.

Mehrfach wurde an dem Abend gesagt, dass wir keine „Gesichtskontrollen auf den S21-Demos“ wollen. Wenn die Forderung nach einer Abgrenzung nach Rechts, so wie ich sie an dem Abend erhoben habe aufkommt, geht es eben nicht um Gesichtskontrollen. Vielmehr geht es darum die Strategien rechter Parteien und Gruppen zu erkennen und zu verhindern. Die NPD, besonders aber ihre Jugendorganisation die Jungen Nationaldemokraten, versuchen immer wieder bei sozialen Bewegungen und Demonstrationen aufzutauchen und für ihre Belange zu werben: Wenn die NPD in Gorleben bei den Anti-Castor Demonstrationen aufgetaucht ist, nicht um gemeinsam mit tausend anderen gegen Atommüll zu demonstrieren, sondern um für ihren völkisch geprägten Umweltbegriff zu werben.
Überall dort wo die NPD auf den Demonstrationen gegen Hartz IV aufgetaucht sind, ging es ihnen nicht darum, dass es allen Menschen in Deutschland, die von den Kürzungen betroffen sind, besser geht. Vielmehr ging es ihnen um die Deutschen, die davon betroffen sind. AusländerInnen, die arbeitslos sind sollen abgeschoben werden.
Wenn die NPD und die Kameradschaften am 1. Mai aufmarschieren und gegen Kapitalismus demonstrieren, fordern sie stattdessen einen „Nationalen Sozialismus“. Mit diesem Schlagwort umschreiben sie nichts anderes, als die Forderung nach einem wieder errichteten Nationalsozialismus.
Egal an welchen Demonstrationen und Aktionen sich die NPD und die Kameradschaften beteiligen, es geht ihnen nie um das Anliegen, sondern immer um Reklame für ihre menschenverachtende Ideologie. Deswegen ist es wichtig diesen Parteien und Gruppierungen keine Plattform zu bieten.

Die Bezeichnungen „Rechts und Links“ haben heute keine Bedeutung mehr

In diesen Zusammenhang gehört auch die Formulierung es gibt „Rechts und Links“ nicht mehr, beziehungsweise die Totalitarismustheorie, wonach „Rechts und Links“ gleich seien und dann beide Richtungen aus der S-21 Bewegung ausgeschlossen werden sollen.
Es ist ein riesengroßer Unterschied, ob eine Gruppe wie oben geschildert einen homogenen deutschen Staat auf der Basis der Volksgemeinschaft fordert, oder einen gerechteren alle Menschen einschließenden Staat. Es stimmt, dass auch in der Sowjetunion, besonders unter der Herrschaft Stalins furchtbare Verbrechen begangen worden sind, die nicht zu rechtfertigen sind. Aber in der Sowjetunion gab es kein Auschwitz und kein Maidanek und Treblinka. Das Trugbild Rechts sei gleich Links wurde besonders während des kalten Kriegs in die Welt gesetzt, um gegen Kommunisten vorgehen zu können.

Wir haben keine Demokratie

Immer wieder fiel auch der Satz, wir haben in Deutschland keine Demokratie und Parteien betrügen eh nur das Volk. Es stimmt, dass der Eindruck, „Die da Oben machen eh was sie wollen“ aufkommen kann. Wenn der Satz aber stimmt, dann können wir „Unten“ auch einiges machen und bewegen. Wir können uns entscheiden, wo wir einkaufen und was wir essen, ob wir Atomstrom verbrauchen oder Naturstrom. Wir können mit anderen zusammen Kollektive aufbauen und versuchen uns der kapitalistischen Mehrwertstheorie zu entziehen. Wir können über Grenzen hinweg Kontakte und Beziehungen zu anderen Basisgruppen aufbauen und pflegen. Wir können in ganz vielen Bereichen des Lebens und der Arbeit uns einsetzen und Samenkörner einer neuen Welt sein. Dann ist der Satz von Attac „Eine andere Welt ist möglich“ auf einmal nicht mehr so weit entfernt. Wir können resignieren, oder für eine bessere Welt kämpfen.

[Ergänzende Informationen: 2013 Sept- AFD-Studie der Böll-Stiftung]


„Schweigespirale“, Lippenbekenntnisse und die Bewegung gegen S21

Bekenntnisse haben meistens etwas Angestaubtes oder Religiöses an sich. Sich nicht zu positionieren und sich somit alle Türen offen zu halten, scheint gerade in Mode zu sein. Die Frau mit dem Spitznamen Teflon macht’s ja vor. Dabei gibt es ein Bekenntnis, dass in seiner gesellschaftlichen Bedeutung Grundlage eines jeden politischen Handelns sein muss: Das Bekenntnis zum Antifaschismus und gegen Nationalsozialismus und rechtes Gedankengut. Wer sich hier nicht aktiv positioniert, begünstigt eine „Schweigespirale“, die am Ende zur Normalisierung des Rechtsextremismus führt (Interview über diesen Prozess mit dem Soziologe Prof. Dr. Kurt Möller. Danke an S. für den Link!).

Es reicht dabei nicht, es bei einem bloßen Lippenbekenntnis zu belassen. Denn nach dem „ich bin ja gegen rechts,“ folgt am Stammtisch gerne mal: „…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen, dass…“ und dann folgt zum Beispiel, dass „wir Deutschen nicht auch noch für die Misswirtschaft der Griechen aufkommen sollten“. Bleibt so eine Äußerung unwidersprochen, ist die nächste schnell noch eindeutiger. Gegen den Rechtsextremismus der Mitte hilft nur, sich selbst eine antifaschistische Grundhaltung zu eigen zu machen und sich gegen jegliche rassistische und rechtsextreme Äußerungen aktiv zu positionieren. Und wer jetzt meint, man müsse dann ja links sein, ist genau auf den Relativismus und die Verharmlosung durch die Extremismusdebatte reingefallen.

Das scheinen viele – auch in der Bewegung gegen Stuttgart 21 – gerade in Bezug auf die AfD nicht begriffen zu haben. Wie es bei den Neuen Rechten und den Identitären Usus ist, grenzt sich AfD-Parteichef Bernd Lucke zwar verbal von rechts ab, gleichzeitig sitzen aber beispielsweise frühere Mitglieder der islamfeindlichen Partei Die Freiheit im AfD-Landesvorstand sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch in Brandenburg. In Interviews lässt Lucke gerne mal rassistische Äußerungen fallen, zum Beispiel, dass „die Griechen nicht zu kleinen Deutschen werden“ können, da es nicht ihrer Mentalität entspreche (was von seinen beiden Interviewpartnern in diesem Fall einfach hingenommen wird und seine Äußerung somit als normal/akzeptabel stehen bleibt). [Mehr zur AfD bei den Links weiter unten.] Dass nun am 06.01.2014 der Stuttgarter OB-Kandidat und prominente S21-Gegner Jens Loewe* als Hauptredner bei der AfD (siehe pdf: Einladung_Dreikoenig_2014) auftrat, ist jedoch im Grunde nicht verwunderlich.

Schon zu Beginn der größeren Protestphase gegen S21 im Jahr 2010 wurden auf den Montagsdemos immer wieder NPD-Funktionäre gesichtet, hier und da waren rechts-esoterische Verschwörungstheorien zu hören oder „Reichsbürger“ zu treffen, die der Überzeugung waren, das Deutsche Reich würde noch existieren und das Grundgesetz sei ungültig [7.1.: s. dazu Anmerkung von Chris unten bei den Kommentaren]. Der Vorschlag, dieser Öffnung nach rechts mittels eines Aktionskonsenses auf antifaschistischer Grundlage und einer klaren Positionierung gegen rechts entgegen zu wirken, wurde damals abgeschmettert: „Unser Bewegung ist doch nicht politisch,“ hieß es. Und: „Linksextrem ist doch gleich Rechtsextrem – dann müssten wir uns ja auch von den Linken distanzieren.“

Dabei führt diese Argumentationslinie schnell zu der Auffassung, rechtes Gedankengut wäre „auch nur eine Meinung“. Dabei wurden doch die Gräueltaten der Nationalsozialisten und ihre Verbrechen gerade durch so eine Haltung erst ermöglicht. Bloß nicht positionieren – und am Ende hat man nichts gesehen, nichts gewusst. Und der schleichende(?) Prozess nahm seinen Lauf.

Wir sollten eigentlich aus der Vergangenheit gelernt haben. Dass die NSU unbehelligt über ein Jahrzehnt lang morden konnte, zeigt, dass dem leider nicht so ist. Um dem Rechtsextremismus der Mitte keine Möglichkeit zur Normalisierung zu lassen, sollte sich jede politische Gruppe nicht nur zum Antifaschismus und gegen rechte Tendenzen positionieren, sondern dies auch zur Grundhaltung ihrer politischen Arbeit machen. Dann könnten sich AfD und Konsorten nicht hinter Mainstreampositionen verstecken und die „Schweigespirale“ wäre aufgebrochen. Und das gilt auch für die Bewegung gegen S21.

Weitere Links zur AfD z.B.

der Freitag – Community: AfD gegen „Multikulti-Umerziehung“

Publikative.org: AfD: Zwischen Gründung und Selbstzerfleischung

ruhrbarone: Rechte Splitterpartei „Die Freiheit“ zieht sich zurück und unterstützt jetzt die AfD

Nachdenkseiten: Können Marktradikale und Nationalchauvinisten eine „Alternative für Deutschland“ sein?

*: Jens Loewe war übrigens schon in der Vergangenheit durch seine Nähe zur Europäischen Arbeitsgemeinschaft Mut zu Ethik (die wiederum in Zusammenhang mit der mittlerweile aufgelösten rechten Psycho-Polit-Sekte VPM steht) [08.01.14: in seiner Kurzbiografie bezeichnet er sich als Mitarbeiter und Referent der Mut-zur-Ethik-Konferenz, weitere Referenten waren bspw. F. William Engdahl (Autor beim rechts-esoterischen KOPP-Verlag) und Prof. Dr. Karl-Albrecht Schachtschneider (Gründungsmitglied der rechtspopulistischen Klein-Partei Bund freier Bürger).] und der Moderation einer Veranstaltung [08.01.14: youtube-Video der VA Medienkrise & S21] des bekannten Rechtspopulisten Christoph Hörstel (Compact-Autor, Gründer der Partei „Neue Mitte“) [08.01.14: Hörstels Ansichten („unsere Freunde von Rechts, die mit den seltsamen Stiefeln und den kurzen Haaren“) bei einer Rede vor Verschwörungsfans etc. in einem weiteren youtube-Video.] aufgefallen.


Ubermans Schlafrhythmus: Nur 2h Schlaf und dann fitter als je zuvor?!

[Update: 07.07.2016]: Ich habe wieder mit der Umstellung auf polyphasisches Schlafen begonnen. Wie es damit läuft, berichte ich auf www.superheldenschlaf.de.

Was haben Regatta-Segler, Astronauten und sogenannte Eilte-Soldaten gemeinsam? Sie alle trainieren einen Schlafrhythmus, bei dem täglich nur zwei Stunden Schlaf ausreichen. Ein Selbstversuch.

Winter in Falun, Schweden. Die Sonne ist nur von 9 bis knapp 15 Uhr zu sehen. Dann wieder Dunkelheit. Tag für Tag. Während meines ersten Winters als Masterstudentin in Schweden, bekam ich zu spüren, wie sehr fehlendes Sonnenlicht auf die Stimmung drückt. Es war eine Qual morgens aus dem Bett zu kommen, während die Tage immer kürzer wurden. Mal länger zu schlafen, tat auch nicht sonderlich gut, denn kurz nach dem Frühstückskaffee den Sonnenuntergang zu betrachten, war einfach nur deprimierend. Was konnte da helfen? Lichttherapie oder Johanniskraut? Viel zu gewöhnlich für meinen Geschmack.

Mit zwei Stunden Schlaf fitter als je zuvor Nach einer kurzen Internetrecherche fand ich, wonach ich suchte: Uberman’s Sleeping Schedule. Bei diesem Schlafrhythmus wird auf eine längere Schlafzeit verzichtet und nur alle vier Stunden für 20min geschlafen. Nach etwa einer Woche der Umgewöhnung, stellt sich der Körper um und die insgesamt zwei Stunden auf 24h genügen, um fit und ausgeruht zu sein. Es hieß sogar, man wäre fitter und ausgeruhter als je zuvor. Da ich ja sowieso die ganze Zeit müde war, dachte ich mir, könnte ich das ja mal ausprobieren. Bei meinem wöchentlichen Studienpensum könnte ich die Extra-Zeit auch wirklich gut gebrauchen.

Warum das ganze funktionieren sollte? Normalerweise bekommt der Mensch während seinem 8-stündigem Schlaf etwa 1,5h REM-Schlaf. Dieser ist besonders wichtig für die geistige und körperliche Regeneration. Werden die 20min-Nickerchen regelmäßig und konsequent durchgehalten, schaltet das Gehirn – allein aus Überlebenswillen – nach drei bis fünf Tagen um und packt möglichst viel REM-Schlaf in die neuen Schlafzeiten.

Vielen bekannten Persönlichkeiten, wie Leonardo da Vinci, Thomas Edison, Nikola Tesla, Napoleon und Winston Churchill wird dieser Schlafrhythmus nachgesagt. Regatta-Segler, Astronauten und sogenannte Elite-Soldaten trainieren ihn für Situationen, bei denen längere Schlafzeiten zu gefährlich wären.

Langzeit-Studien gibt es keine – kurzfristig entsteht jedoch kein Schaden Claudio Stampi, Gründer und Leiter des Chronobiologischen Forschungsinstituts Boston, Massachusetts ist ein prominenter Verfechter des polyphasischen Schlafens. Mehrere Wochen im polyphasischen Schlafrhythmus schaden der Gesundheit offensichtlich nicht. Doch gibt es bisher keine wissenschaftlichen Langzeit-Studien darüber. Es wird auch schwierig, geeignete Probanden zu finden, denn wer führt schon so ein selbstbestimmtes Leben, um diesen Schlafrhythmus längere Zeit strikt durchhalten zu können? Die Bloggerin PureDoxyk, die den sogenannten Uberman-Schlafrhythmus zuerst im Internet publik machte, berichtete, dass sie ein halbes Jahr so gelebt hatte. Ich wollte es einen Monat durchhalten.

Meine Schlafzeiten sollten um 2, 6, 10, 14, 18 und 22 Uhr sein. Anfangs schaffte ich es kaum, während der erlaubten 20min einzuschlafen. Trotzdem war ich nach den ersten zwei Nächten ohne richtigen Schlaf erstaunlich fit. Doch am dritten Tag fühlte ich mich wie ein Zombie (Hinweis am Rande: Gefährliche Tätigkeiten, wie Autofahren, Gemüse schneiden und Ähnliches sind in der Umgewöhnungsphase unbedingt zu vermeiden!). Beim Nickerchen am Nachmittag verschlief ich dann trotz meiner beiden Wecker. Es waren aber nur drei Stunden zu viel und mit der Umgewöhnung musste ich deshalb zum Glück nicht von vorne beginnen. Mein Ehrgeiz war dafür umso mehr angestachelt und von nun an war Verschlafen kein Thema mehr.

Als „Uberfrau“ konnte ich über meine Kommilitonen nur milde lächeln Am Abend des vierten Tages fühlte ich mich schon viel besser. Endlich war ich fit genug, um die Vorteile meines neuen Tagesablaufs zu genießen. Was meine Kommilitonen an drei Tagen erarbeiteten, schaffte ich locker an einem. Und ich hatte noch genug Zeit für Freizeitaktivitäten oder um geduldig Computerprobleme meiner Eltern übers Telefon zu lösen. Kam die Müdigkeit doch mal zwischen zwei Nickerchen zurück, machte ich einen kurzen Spaziergang, dann ging es wieder. Schon am fünften Tag war das kaum noch der Fall. Ich fühlte mich einfach großartig.

Mein Gefühl für Zeit – besonders für die Begriffe früh, spät, Tag, Nacht – wandelte sich grundlegend. Plötzlich war es für mich ziemlich verwirrend, wenn jemand von „gestern“ oder „morgen“ sprach. Denn zwischen meinem heute und meinem gestern lagen ja nur 20min und nicht 8 Stunden, wie bei allen anderen, die aus meiner Perspektive regelmäßig in eine Art 2-tägigen Winterschlaf verfielen. Als „Uberfrau“ konnte ich über die verschlafenen Gesichter meiner Mitbewohner morgens in der Küche nur milde lächeln.

Sozial unverträglich, aber die Faszination bleibt Genau das war es am Ende auch, was mich am Ubersleep nach ein paar Wochen zu stören begann: Die 8-Stunden-Schläfer kamen mir immer fremder vor. Ich hatte das Gefühl, drei mal so viele Leben zu führen und nur während einem davon meinen Kommilitonen und Mitbewohnern zu begegnen. Wenn ich mit Freunden etwas unternahm, nervte es mich (und sie wohl auch), dass ich mitten drin für eine halbe Stunde verschwinden musste. Gerade in so einer kleinen Stadt wie Falun, in der schwedischen Provinz, und zusätzlich in einem engen Studentenwohnheim, passte so ein extravagantes Leben einfach nicht. Und so entschied ich mich nach einem Monat, mein Experiment vorerst abzuschließen. Das war im Jahr 2006. Noch immer übt dieses dreifache Leben eine Faszination auf mich aus. Und ich bin überzeugt: Es wird nicht das letzte Mal für mich gewesen sein.

Zuerst in der g:nau erschienen.


Am Rande der Proteste gegen die Einheitsfeier aufgedeckt: Das „lesen“ also Polizisten!

daslesenalsopolizisten


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